Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Krieg und die Moral. 343 besonders charakteristisch. Der Entrüstungssturm aus Anlaß der angeblichen Zerstörung der Kathedrale von Reims. Da haben die geistigen Führer, die Elite der kultivierten Menschheit es an Schmähungen der Deutschen nicht fehlen lassen. Und das alles um ein Bauwerk, um ein totes Gestein. Aber bei den Armeniermetzeleien, bei den Pogroms, bei den grausigen Begleiterscheinungen der letzten Balkankriege, da hielt diese Auslese der Menschheit es nicht für angemessen, flammenden Protest zu erheben. Und die Annahme politischer Heuchelei daß die Kathedrale von Reims nur zum Vorwand genommen werden sollte, um bei dieser Gelegenheit der Abneigung gegen Deutschland Ausdruck zu verleihen, ist noch die beruhigendste Lösung. "Wäre der Protest ehrlich gemeint, kein Wort wäre scharf genug, um ihn zu brandmarken. Die Herren wären dann auf die gleiche Stufe gesunken wie jene Römer, die mit feinstem Verständnis und tiefdringendem Schönheitssinn für die vollendeten Werke der Kunst sich begeisterten, aber ihre Fische mit frischem Menschenfleisch fütterten. Hunderttausende zuckender Menschenleiber ringen jetzt mit ihren Schmerzen, mit dem Tode, das ficht die kunstbegeisterten Größen nicht an, ist jedenfalls nicht stark genug, sie zu einer Kundgebung zusammenzuführen. Aber die Bedrohung eines Kunstwerks, die darf nicht ungesühnt bleiben, die trifft sie ins Herz. Die Neutralen hatten hier die Führung. Man ist immer wieder in Verlegenheit um ein Beiwort, will man die Niedrigkeit der zutage getretenen Gesinnung kennzeichnen. Da wir kein politisches Blatt sind und die weltgeschichtlichen Ereignisse von der Warte der Religion aus betrachten, dürfen wir es wagen, auch den neutralen Staaten ihr Urteil ins Stammbuch zu schreiben. Und da will es uns scheinen, als ob manche der neutralen Völker, jedenfalls große Teile ihrer Bevölkerung, moralisch noch tiefer stehen als die mit uns im Kampfe befindlichen. Der lodernde Haß, den der Krieg auslöst, verblendet, er raubt den Streitenden, die Partei sind, jede Fähigkeit eines ruhigen Urteils. Diese Entschuldigung entfällt für die Unbeteiligten. Zu berücksichtigen ist freilich die Ver-