Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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342 Der Krieg und die Moral. Hanotaux, um nur unter den Ministern, Gelehrten und Schriftsteilem französische Koryphäen zu nennen, durch ihre Beschönigung, Billigung und Anfeuerung zu Mitschuldigen der Greueltaten gemacht. Aber was nur immer an Lastern im Schlamme der menschlichen Leidenschaft ruht, das ist durch diesen Krieg aufgewühlt worden und zutage getreten. Daß die Kaubgier nach allem Erreichbaren seine Hände ausstreckt, daß der Haß zwischen denen, die sich ans Leben gehen, immer stärker sich entzündet, das ist noch verständlich. Auch daß die Lüge als eine Waffe verwendet wird, um das eigene Volk in seinem Widerstande zu stärken, den Gegner zu entmutigen, den unbeteiligten Dritten zu beeinflussen, das ist vom Wesen des Krieges schwer zu trennen und wohl auch in früheren Zeiten so gewesen. Ungeheuerlich erscheint nur die unendliche Steigerung der Lüge und Verleumdung. Da werden Dinge behauptet, von deren Unwahrheit die Verbreiter, auch wenn sie im Paroxysmus des Hasses sind, durchaus überzeugt sind, der deutsche Kaiser zu einem Attila und Tamerlan gestempelt, deutschen Offizieren die Greueltaten wahnwitziger Megären zugeschrieben, den deutschen Soldaten Eigenschaften angedichtet, wie sie nie ein Wesen besessen, das Menschenantlitz trägt. Am widerwärtigsten erscheint uns die Heuchelei. England und Kußland ringen da um die Palme. Von beiden war man sie gewöhnt. Aber das riesengroße Ausmaß, das hätte man keinem der beiden Genossen zugetraut. Kußland mit seinen Manifesten, mit seinem Eintreten für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, als Vorkämpfer der Zivilisation und Be- Schützer der kleinen Völkerstämme gibt mehr ein groteskes Schauspiel. Aber England nimmt seine Kolle des Verteidigers der belgischen Neutralität wirklich ernst. Nach zahlreichen objektiven Berichten über die Stimmung im Lande verficht der größte Teil der Bevölkerung mit einem großen Aufwand moralischen Selbstgefühls die Überzeugung, daß ihr Vaterland einen Krieg aus idealen Beweggründen führt, daß es ein Hort der Schwachen und Unterdrückten ist. Eine Episode aus den letzten Wochen ist für diese Heuchelei