Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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336 Der Krieg ־and die Moral. Einschärfung, und Mahnungen zur Sittlichkeit sind dann nicht viel mehr wert als das Dreschen von leerem Stroh. Merkwürdig, daß die Künder dieser These nicht gesehen, daß sie damit auf die antike Stufe zurückgefallen, da man von der Bedeutung der Triebe und Gefühle noch keine rechte Vor- Stellung hatte und Sokrates die Lehre aussprechen konnte: Keiner sündigt freiwillig, man müsse nur eine Einsicht in das Gute haben und würde ihm dann unbedingt folgen. Daß das Moralische sich durchaus nicht von selbst ver־ steht, daß es immer und immer erworben werden muß, will man es besitzen, ja daß es zu den schwersten Errungenschaften menschlichen Lebens gehört, ist jedem, der sich um die Verbreitung der Ethik müht und die Erfolge seiner Mühen be־ obachtet, ohne weiteres klar. In geordneten Zeiten tritt das aber nicht so sehr zutage, schwere Ausschreitungen gegen die Moral werden durch das Strafgesetz und die Rücksicht auf die soziale Stellung von der überwiegenden Mehrheit vermieden. So kommt es, daß man sich in Sicherheit wiegt und mit einem Schein von Recht die Überzeugung vertreten kann, das Leben des Menschen sei von moralischen Werten beherrscht. Der Krieg, der auf allen Gebieten so ungeheure Umwälzungen her־ vorruft, bringt auch hier die Wahrheit ans Licht. Wenn wir überlegen, was unter den Erlebnissen des Krieges uns am schmerzlichsten trifft, so ist es das Zutagetreten der menseh־ liehen Gemeinheit, das Bewußtsein, daß die Bestie im Menschen unausrottbar und daß unsere vielgerühmte Kultur so wenig dazu beigetragen hat, den Menschen wahrhaft zu veredeln. Wer freilich das Opfer des Blutes gebracht, wer den Tod des Gatten, der Kinder, des Vaters zu beklagen hat, für den verschwindet jeder andere Gedanke angesichts des unwiederbringlichen Verlustes. Wir anderen aber, die verschont geblieben, wir leiden wohl unter dem Eindruck des Furchtbaren, das uns jede Stunde bescheert. Wir können, soweit wir nicht von jedem Mitfühlen verlassen sind, keine Minute einem frohen Gedanken uns hingeben. Sinken doch ununterbrochen so viele jugendstarke, lebensfrohe hoffnungsvolle Menschen ins Grab, winden sich unter unsagbaren