Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Tescfjurun 1. Jahrgang. Oktober 1914 Tischri 5675 Heft 10. Der Krieg und die Moral. Von Dr. J. Wohlgemuth, Berlin. Von einem geistvollen, sehr gelehrten Manne, einem bedeutenden Ästhetiker und großen Idealisten ist der Satz geprägt worden: ״Das Moralische versteht sich von selbst“. In diesen Worten hat er seinem Idealismus den höchsten Ausdruck gegeben. Er wollte damit sagen: Das Moralische ist so sehr die Grundlage jeder menschlichen Lebensführung, die Verletzung so ungehörig und von solchen unausdenkbaren Folgen begleitet, daß die Betonung und Einschärfung sehr überflüssig erscheint und dem Verständigen nur lästig fällt. Es ist schon hervorgehoben worden, daß auch die Abneigung Nietzsches gegen die landläufigen Moralisten, wie sie in seinen Bemerkungen über die ״Moralinsäure“ und die ״Moraltrompeter“ zutage tritt, nicht so sehr der Moral an sich gilt, sondern ihrer Verkündigung, und daß er auch nicht mehr hat sagen wollen, als was in der obigen Sentenz ausgesprochen ist. Wie dem auch sein mag, es kann nicht scharf genug gegen die Verbreitung dieser Sentenz Einspruch erhoben werden. Wir haben an ihr wieder ein Beispiel, wie verstiegener Idealismus oft der größte Feind der Verwirklichung des Idealen ist. Denn für die große Masse, ja wir können sagen für alle Menschen mit Ausnahme einiger weniger Erwählten ist ein solcher Satz der Ansporn, sich jeder Vertiefung in moralische Probleme zu enthalten. Was sich von selbst versteht, das bedarf keiner 23