Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292938--00373-2293608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
330 Die große Zeit. allgemeingültigen Vorschrift sich zu beugen. Das ist es, was die Bekenner anderer Glaubensformen uns vorwerfen, das, weshalb man das Judentum hat umgestalten wollen. Frei sollte das religiöse Ich sich ausleben, sich selbst die Form und Art schaffen, wie es seine Liebe zu dem Schöpfer des Alls bezeuge und betätige. Es sei unwürdig, so meint man, den gottesebenbildlichen Menschen, seine Meinung und seinen Willen festen Normen und starren Lehren unterzuordnen. Eine religiöse Übung, deren unmittelbarer Wert nicht in die Augen springt, ist als wertlos auszuscheiden. Das eigene Gewissen ist einziger und letzter Maßstab. Dem stellen wir das Beispiel unsres Volkes in Waffen entgegen. Würde es über so viel geistige Bildung verfügen, wenn nicht der eiserne Zwang es zu den Quellen des Wissens hingeführt, seinen Verstand geschult, es auch wider den Willen des einzelnen auf die gegenwärtige Stufe geistiger Kultur geführt und ihm das Denken zur Selbstverständlichkeit, die Bildung zum Bedürfnis gemacht hätte? Würde es in der schwersten Stunde soviel sittliche Energie und Selbstverleugnung, so viel Schwung und Pathos erhöhten Lebens besitzen, wenn es nicht von Jugend an durch des Gesetzes eherne Fessel an das unabänderliche ״Du sollst“ der Pflicht gebunden worden wäre, wenn nicht die Tugend des Bürgers und des Menschen von der Gemeinschaft und der staatlichen Macht ihm aufgezwungen wäre? So auch das jüdische Gesetz. Es will uns nicht unser ureigenes Wesen rauben, nicht die Selbstentfaltung unmöglich machen. Es führt uns durch die Schule tausendfacher Erprobung, stellt uns vor unzählige Konflikte, gibt uns Pflichten und Aufgaben in jeder Stunde, um uns bereichert, befreit, der Bevormundung unserer Leidenschaft und Kurzsichtigkeit enthoben zu entlassen, daß wir unser wahres Selbst wiedergewinnen, nachdem wir es nur zum Scheine verloren. Die allgemeine religiöse Wehrpflicht macht uns zu Siegern in dem Kampfe des Lebens, der schwerer ist als die Feldschlacht. Denn jener verlangt nicht einmal ein Opfer, nicht für kurze