Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Die Halacha 1and die Herzenspflichten. kommen muß ohne Rücksicht, ob eine Andacht möglich ist. In diesem Sinne heißt es מצות איג׳ צריכות כדנה (Berachoth 13a). Das soll selbstverständlich nicht heißen, wie das von übelwollender Seite ausgelegt worden ist: ..Die Erfüllung des Gebotes bedarf nicht der Andacht•,“ dagegen wären zahlreiche Aussprüche des Talmuds anzuführen, sondern das Gebot des Betens gilt als erfüllt, wenn auch die Andacht ausgeblieben ist. Bei aller Schätzung andächtiger Stimmung für den Wert des Gebetes sagten sich die Weisen, daß das regelmäßige Beten überhaupt illusorisch werden würde, wollte man es dem Beter überlassen, nur dann zu beten, wenn er in Stimmung wäre. Ja. es würde der Mensch das Beten überhaupt allmählich verlernen. Denn das Gesetz, nach dem jedes Organ verkümmert, das ohne Übung bleibt, gilt auch für die seelischen Vorgänge, für die religiösen Gefühle 1). Dafür, daß sie die Andacht beim Gebete in ihrer Umgebung und bei denen, für die sie ihre Bestimmungen trafen, voraussetzen durften, dafür seien folgende Belege beigebraeht. Der junge Ehemann ist unmittelbar nach der Hochzeit von der Verpflichtung des Sch/malesens und Betens frei, weil ihm die erforderliche Sammlung fehlen würde (Berachoth 16 a). Es konnte nun freilich nicht jeder Anlaß einer inneren Unruhe, wie etwa geschäftliche Sorgen (טבעה ספינתו בים) zur Befreiung vom Gebete führen, weil dann der Willkür Tür und Tor geöffnet würde. So wurde diese Befreiung beschränkt auf die ז) Man vgl., was über die Bedeutung des regelmäßigen Gebets ein Beurteiler wie Steinthal sagt, der doch religiös-konservativer Gesinnung nicht verdächtig ist. ״ Alles, was dem freien Geist angehört, müssen wir lernen, ־und was wdr gelernt haben, müssen wir, um es nicht zu vergessen, unausgesetzt üben. Und ebenso verhält es sich mit der Andacht. ÜSfichts wird dich zur Einkehr in dein besseres Selbst bringen, nichts wird dich zur Bechenschaft vor Gott und vor dir selbst bewegen, wenn du nicht in der Andacht eine gewisse Fertigkeit erreicht hast. Wer alle Jahre einmal andächtig sein will, wird bald merken, daß er auch dieses Mal nicht andächtig ist, trotz des guten Willens nicht sein. kann. Wer also nicht oft betet, wird es nicht erlernen.״