Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Beurteilung des Judentums nsw. 309 leicht die Lostrennung aus dem nächsten Pflichtenkreise zu sittlicher Entwurzelung führt, welch festen sittlichen Halt der Persönlichkeit das Verwachsensein mit geschichtlichem Mutterboden gewährt. Und dieser Grundgedanke, der zur Vertiefung des deutschen Volksbewußtseins so viel beigetragen hat, gilt mit mindestens gleichem Rechte von unserem Verhältnis zum Judentum, aus dessen Adelsbrief wir nicht nur sittliche Verpflichtungen, sondern auch die Kraft schöpfen dürfen, ihnen zu genügen. Wenn an die Angehörigen irgend einer Gemeinschaft, so darf an uns Attinghausens Wort sich wenden: 0, lerne fühlen, welchen Stamms du bist! Wirf nicht für eiteln Glanz und Flitterschein die echte Perle deines Wertes hin! So schätzen wir denn die Pflicht zur Treue gegen unseren Glauben weit höher ein als Lessings Richter, weil wir den wahren Gehalt des Judentums besser kennen, und im Bewußtsein, daß unsere Zeit uns den sittlichen Wert des Festhaltens am geschiehtlich gegebenen Leben tiefer erkennen läßt. Unverloren bleibt uns aber die Mahnung unseres Dichters, daß unsere Arbeit darauf gerichtet sein muß, die liebespendende Kraft unseres Steines durch Sanftmut und Verträglichkeit darzutun. Verträglichkeit, wie ein Lessing sie meint, ist nicht gleichbedeutend mit Fernbleiben aus dem Kampf der Meinungen. Mochte Freund Mendelssohn unter dem Drucke friderizianischer Judengesetze sich ״im moralischen so wenig wie physischen Sinn zum Kämpfer geschaffen fühlen“ und daher von der Veröffentlichung der Reimarusschriften abraten, — Lessings Heldennatur fühlte Freude und Pflicht zum Geisteskampfe, Ärgernis hin, Ärgernis her. Und gewiß hat er mit scharfen Waffen gekämpft; die Wunden, die er dem dogmatischen Christentum geschlagen, spüren seine Gegner noch heute. Aber wie er. müssen auch wir es ablehnen, den notwendigen Kampf der Geister mit anderen als den reinsten Waffen zu führen und den Ehrenschild unserer Sache durch lieblose Gehässigkeit zu schänden. Es wird uns freilich wenig nützen, wenn wir uns dem Fana-