Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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308 Die Beurteilung des Judentums usw. schäften hat es gewiß nicht eingebüßt. Aber hier hat doch das Leben die Theorie, wenn nicht widerlegt, so doch in ihre Grenzen gewiesen. Wenn vor hundert Jahren begeisterte deutsche Jünglinge ihr Leben fürs Vaterland einsetzten, so fühlten sie eben, daß sie in dem Maße, wie sie bessere Deutsch e geworden waren, auch an menschlicher, sittlicher Kraft ge- Wonnen hatten, und daß sich hinter den vornehmen kosmopolitischen Gefühlen der ״Buben hinterm Ofen“ nicht in allen, aber in gar vielen Fällen Schwäche und Bequemlichkeit, wenn nicht gemeine Ichsucht versteckte. Nicht anders steht es mit der Treue zum Judentum. Die restlose Ausfüllung des als verbindlich erkannten Pflichtenkreises trotz Sorge und Opfer,, die treue Arbeit an den Lebensaufgaben der Glaubensgemein־ schaffe und ihrer Organe hat nicht nur ihren religiösen, sondern auch ihren ethischen Wert und fordert jedenfalls weit mehr sittliche Kraft als weltverbrüdernde Deklamationen. Auch hier gilt das schöne Wort unseres Dramas, daß gut handeln schwerer ist als andächtig schwärmen. Es ist beachtenswert, daß sich schon im 18. Jahrhundert eine berechtigte Reaktion gegen den Kosmopolitismus durch־ setzt. Namentlich durch Herder lernt man die Abhängigkeit des einzelnen von Abstammung und Milieu würdigen; man lernt, daß wir ״unser Volk sind“, physiologisch und psychologisch, mögen wir wollen oder nicht; man lernt die Bande der Pietät besser verstehen, die uns an die nächsten Lebenskreise knüpfen, und stellt die Frage, ob ihre Lösung oder absichtliche Zerreißung ohne Gefahr der Persönlichkeit möglich ist. Die Frage hat besonders Schiller beschäftigt. Wenn er die Vaterlandslosigkeit Wallensteinscher Horden sich abheben läßt von ״der Völker frommem Kinderglauben“ und dem Ehrgefühl des Schweden, der für seine Sache und sein Heimatsiuteresse ficht; wenn er dem Heldenmädchen von Orleans die stumpfe Gleichgültigkeit ihres Vaters, die — dem Gegner selbst verächtliche — Verräterei eines Burgund, einer Isabeau gegenüberstellt: wenn er den alten Attinghausen Worte edelster Entrüstung an den treulosen Neffen richten läßt, — durchweg zeigt sich, wie