Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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3°7 Die Beurteilung* des Judentums usw. recht gegen die andern. Wir denken nicht daran, die Gegenforderung zu stellen, daß jemand unsern Vätern mehr als den seinigen glauben soll: wir wissen die Treue des Christen zu seinem Vätererbe eben deshalb zu würdigen, weil wir dem unseren treu sind. Es ist ein seit ]Rousseau häufig ausgesprochener, in die Schulfragen der Gegenwart verwirrend hineinspielender Irrtum, daß eine Erziehung jenseits aller Konfessionen am leichtesten zum Verständnis und zur Duldung aller Erkenntnisse befähige. Die Geschichte lehrt oft genug das Gegenteil: Engherzigkeit und fanatische Kurzsichtigkeit ist unter den Ereigeistern nicht weniger verbreitet als unter den Anhängern einer Konfession. WTohl nie hat ein gläubiger Jude den ״Zweck Jesu und seiner Jünger“ so gründlich mißverstanden wie Reimarus, der die Apostel für Streber undVabanque-Politiker hielt; nie hat wohl ein gläubiger Christ das Auftreten eines Mohammed auf solch gemeine Motive zurückgeführt wie der große Freigeist Voltaire. So verstehen denn auch wir es besser als der Verfasser der Pucelle, wenn eine Jungfrau von Orleans sich fühlt als Streiterin des Gottes, der einst zu Mosen auf des Horebs Höhen im feufgen Busch sich flammend niederließ; wir verstehen es, wenn das Volk Teils baut auf den höchsten Gott und sich nicht fürchtet vor der Macht der Menschen, wenn der Idealismus deutscher Freiheitshelden religiöse Verklärung sucht. Ebenso falsch wäre der Vorwurf, unter der Treue der religiösen Gesinnung könne die Reinheit des ethischen Bewußtseins leiden. Das 18. Jahrhundert freilich neigt zu rein kosunpolitischem Denken. Seine geistige Oberschicht fühlt sich gern als ״Bürger dieser Welt“ und kennt nur Pflichten gegen die Menschheit, hinter welchen diejenigen gegen besondere Kreise, wie Vaterland und Glaubensgemeinschaft, völlig zurücktreten. Auch in diesem Sinne genügt es ״ein Mensch zu sein“. Man kann fragen, wie es kommt, daß dies weltverbrüdernde Ideal, dem das ״Lied an die Freude“ einen naiv-großartigen Ausdruck gibt, uns heute recht blaß, fadenscheinig und abgestanden erscheint. Seinen berechtigten Kern als Gegengewicht gegen die Überspannungen nationaler und konfessioneller Leiden-