Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Beurteilung des Judentums usw. 305 gott und die unter seinem Schutze stehenden Volksgenossen; die Religion gab somit der Kluft zwischen den Völkern eine fast unüberwindliche Tiefe; sie machte, solange sie wirklich in Geltung war, das Aufkommen einer umfassenden Humanität unmöglich. Ganz anders im Judentum. Wohl gab die Religion hier dem nationalen Leben einen bedeutungsvollen Sinn, dem nationalen Stolz Weihe und wahren Gehalt. Indem sie aber eine gemeinsame religiöse Vergangenheit, eine gemeinsame religiöse Zukunft der Menschheit, gemeinsame Verpflichtungen aller Menschen gegen den gemeinsamen Schöpfer und eine vor keiner nationalen Grenze Halt machende Nächstenliebe lehrte, hat sie neben dem vertieften Nationalgefühl ein Menschheitsgefühl begründen helfen, das denn auch im Judentum überall da wirksam hervorgetreten ist, wo es nicht die Wellen des Glaubens- oder Rassenhasses der Umwelt zeitweilig überspülten. Noch wichtiger ist ein anderer Fortschritt über die reine Nationalreligion hinaus. Ihr gehört man an durch Geburt; man scheidet aus ihr, wenn nicht durch Auswanderung, nur durch den Tod. Nun wird der Jude zwar wohl in den Pflichtenkreis seines Glaubens hineingeboren; zum Volljuden muß er sich aber erst machen; er muß erst ״sich heiligen, um heilig zu sein“; volle Anspannung der Kräfte wird erfordert zur Aneignung religiösen Vollwertes, immer erneute Aufbietung der Kraft, wenn dieser nicht durch ״Ausrottung aus der Gemeinschaft“ verloren werden soll. Damit wird der ursprüngliche Begriff der Religion von Grund aus verändert, der uns geläufige erst begründet. Die Religion wird, wie man das mit Recht ausgedrückt hat, aus einer Gabe zu einer Aufgabe; sie besteht nicht in dem Glauben an ״Geschichte, geschrieben oder überliefert“, vielmehr darin, daß dem geschichtlich gegebenen Ideal die gottebenbildliche Seele bewußt entgegenstrebt. Indem so merkt, daß die griechische Religion fast vollkommen national geblieben ist und gewiß die Schuld trägt, daß der Begriff der Humanität in Griechenland erst nach Aristoteles auftritt. Weit höher stehen die Mysterienreligionen des ausgehenden Altertums deren Anspruch, zur Seligkeit zu führen, sehr wohl auf das Christentum von Einfluß gewesen sein kann.