Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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304 Die Beurteilung des Judentums usw. mir mein Herz heimlich zugerufen: Schade um die schöne Seele. Wer da glaubt, daß außerhalb seiner Kirche keine Seligkeit zu finden sei, dem müssen dergleichen Seufzer gar oft in der Brust aufsteigen.“ So deutlich nun diese Ausführungen Mendelssohns den Unterschied zwischen dem Judentum und dem dogmatisch gebundenen Christentum wiedergeben und so lehrreich sie für den Unterschied zwischen Mendelssohns und Nathans Ansehauungsweise sind, so scheinen sie doch den Einwand Lessings nicht völlig zu widerlegen. Denn allerdings ist das Judentum zum j ersten Male den übrigen Religionen gegenübergetreten mit dem Anspruch, den ״lebenden Gott“ zu besitzen, während die Völker nur tote Götzen verehren. Und in dem Bewußtsein, diesen wahren Gott zu bekennen und ihm, nicht menschlicher Willkür, sein Gesetz zu verdanken, hat es sich freilich als auserwählt empfunden. Die Propaganda der Gewalt hat es gewiß verworfen: wohl aber haben seine Sänger Gottes Ruhm unter den Völkern verkündet, haben seine Seher sich nicht nur als Mahner Israels, sondern als ״Propheten der Völker“ gefühlt und eine Zeit vorausgesehen, da der Herr, der Gott Israels, über die ganze Erde herrscht. Darin liegt doch freilich ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit, zwar nicht des Gesetzes, wohl aber der religiösen Grundanschauung, dem Mendelssohn nicht völlig gerecht wird; es liegt darin, mit Lessing zu reden, gewiß nicht die Forderung, daß allen Bäumen eine Rinde wachse, wohl aber die, daß sie alle dem gleichen Himmel zustreben. Liegt aber in dieser universalistischen Tendenz des Judentums eine Gefahr für die Entfaltung wahrer Humanität und innerlich religiöser Gesinnung? Uns scheint vielmehr, daß beides erst ermöglicht worden ist durch den Schritt, den das Judentum über das Heidentum hinaus getan hat. Die reinen Nationalreligionen1) kannten nur Pflichten gegen den Volks- *) Nur diese gehen uns hier an; in dem Maße, wie die nationale Schranke gelockert wurde gilt von den nicht]irdischen Religionen das zur Rechtfertigung des Judentums zu Sagende. Ausdrücklich sei be-