Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Beurteilung des Judentums usw. Verständnislosigkeit, mit der er den ursprünglichen Charakter der christlichen Religion völlig verdunkelt. Trifft nun aber der Vorwurf engherziger Aufdringlichkeit auch das Judentum? Lessing hat es geglaubt, ja, geradezu den Ursprung jenes Fehlers des Christentums im Judentum ge־ sucht. Das jüdische Volk ist nach ihm das erste, das das auser־ wählte Volk sich nannte; es hat seinen Stolz auf Christ und Muselman vererbt und ist daher indirekt auch an den Ausschreitungen der Tochterreligionen mitschuldig. Mit solchen Anschauungen stand und steht Lessing nicht allein. Seitdem man den geschichtlichen Zusammenhang des Christentums mit dem Judentum näher erkannte, hat man in den Kreisen, die eine Reform des Christentums wünschten, sehr gern solche Bestandteile, die man beseitigt wissen wollte, als jüdisch hinzustellen gesucht. So hat auch Mendelssohn diese Ansichten seines Freundes gekannt; und wir werden bei ihrer Erörterung von seinen Gegenbemerkungen ausgehen dürfen. ..Nach den Grundsätzen meiner ReligionV schreibt er an Lavater, ״soll ich niemanden, der nicht nach unserm Gesetze gehören ist, zu bekehren suchen. Dieser Geist der Bekehrung, dessen Ursprung einige so gern der j üdisch en Religion aufbürden möchten, ist derselben gleichwohl schnurstracks zuwider. Alle unsere Rabbinen lehren einmütig, daß die schriftliehen und mündlichen Gesetze, in welchen unsere geoffenbarte Religion besteht, nur für unsere Nation verbindlich seien. . . Alle übrigen Völker der Erde, glauben wir, seien von Gott angewiesen worden, sich an die Gesetze der Natur und an die Religion der Patriarchen zu halten. Die ihren Lebenswandel nach den Gesetzen dieser Natur und der Vernunft einrichten, werden ״tugendhafte Männer von anderen Nationen״ genannt, und diese sind Kinder der ewigen Seligkeit. . . Ich habe das Glück, so manchen vortrefflichen Mann, der nicht meines Glaubens ist, zum Freunde zu haben. Wir lieben uns aufrichtig, ob wir gleich vermuten und voraussetzen, daß wir in Glaubenssachen ganz verschiedener Meinung sind. Ich genieße die Wollust ihres Umganges, der mich bessert und ergötzt. Niemals hat 21