Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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302 Die Beurteilung des Judentums usw. zeichnet, von einem Auto da fe schaudernd abgewandt hätte, ist wohl kaum zu bezweifeln. Aber seine Religion ist ja nicht das geschichtliche Christentum. Seit dessen Begründung durch Paulus von Tarsus haben seine hervorragendsten Vertreter die Überzeugung ausgesprochen, daß die Erbsünde, die auf allen Menschen lastet, nur durch den Glauben an den stellvertretenden Tod des Gottessohnes vollkommen gesühnt werden kann, daß also nur ein gläubiger Christ der vollen Seligkeit gewiß sein dürfe. Stellt man sich aber auf diesen Standpunkt, so muß man zugeben, daß es nicht Toleranz, sondern bitteres Unrecht gewesen wäre, hätte ein Karl der Große das Leben von ein paar Tausend Sachsen geschont und dadurch Millionen ihrer Nachkommen den Höllenquälen überantwortet 1). Gerade weil aber der christlichdogmatische Standpunkt, wie ihn der Patriarch etwas karrikiert und der Großinquisitor in ״Don Carlos“ in imposanter Geschlossenheit vertritt, aus sich nicht widerlegt werden kann, gerade darum fordert er die Aufbietung aller Kraft der rein ethisch Gesinnten zum Kampfe gegen die Engherzigkeit und ' \ Nathan V. 6: Kaum können sie auch anders. Denn ist’s wahr, daß dieser Weg allein nur richtig führt, wie sollen sie gelassen ihre Freunde auf einem anderen wandeln sehn. — der ins Verderben stürzt, ins ewige Verderben? Es müßte möglich sein, denselben Menschen zur selben Zeit zu lieben und zu hassen. Danach sind Lessings Worte zu verstehen, daß der Tendenz seines Dramas, auf die Deisten ein günstigeres Licht zu werfen, auch ein Mensch zustimmen könne, der ״nicht jede geoffenbarte!Religion, nicht jede ganz verwirf tu (Vorrede, angeführt bei K. Lessing, Lessings Leben, I 409). Denn die Anerkennung, daß auch ein Deist ein dem Gläubigen gleichwertiger Mensch sein könne, kommt nicht mit dem OfTenbarungsglaüben als solchem, wohl aber mit dem Glauben an seine alleinseligmachende Kraft leicht in Widerspruch, ist also nur bei eingeschränkter Zustimmung zum christlichen Dogma (und vom Judentum soll ja nach Lessing dasselbe gelten) möglich.