Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Beurteilung des Judentums usw. 301 So befindet sieh Lessing zunäcbt in der Abwehr Aber in dem Bestreben, dem Deismus Sympathien zu erwecken, geht er bald zum Angriff auf die positiven Religionen über. Soweit sieh dieser gegen bestimmte christliche Dogmen richtet, hat er uns hier nicht zu beschäftigen. Wohl aber fordert der schwere Vorwurf der Überhebung und der lieblosen Unduldsamkeit, der, wie wir sahen, sämtlichen Religionen, auch dem Judentum, gemacht wird, unsere Beurteilung heraus. Das 18. Jahrhundert hat diesen Vorwurf nicht selten gegen die Religionen erhoben — und gewiß nicht ohne allen Grund. Mit Schaudern dachte man an die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, an die Greuel der Inquisition, an die ״heroische!Narrheit•‘ der Kreuzzüge, wie der Theologe Herder sieh ausdrückte; Lieblosigkeiten, wie die Ausweisung der Protestanten durch den Erzbischof von Salzburg, zeigten, daß auch im 18. Jahrhundert die Unduldsamkeit immer noch ein streitbarer Gegner war. Wenn gegen solche Erscheinungen nicht nur der kritische Geist des Zeitalters der Aufklärung, sondern gerade das ethisch-religiöse Empfinden sich auf bäumt, wenn man. diese von der Kirche gebilligten Auswüchse der Uncluldsamkeit geradezu als unreligiös empfand, so können wir das freilich verstehen, und. wir können es begreifen, daß ein Schiller, der ebenso wie Lessing die Engherzigkeit für eine gemeinsame Eigenschaft aller positiven Religionen hielt, keine der überlieferten Glaubensfcrmen bekennen wollte, — ,,und warum keine? Aus Religion!4־. Nun hat gewiß der Fanatismus nickt nur innerhalb dos Christentums seine Anhänger gefunden. Jeder Glaube (das Judentum leider nicht ausgeschlossen), aber auch jeder Unglaube hat neben milden, weitherzigen Propheten auch engherzige Fanatiker erzeugt. Die katholische Apologetik hat den Hinweis auf die Schrecken der Inquisition nicht ungeschickt mit dem Nachweis der Opfer der französischen Revolution pariert, welche die den Vcrfassungseid verweigernden Priester doch für ihre Glaubensüberzeugung in denTod sandte. Und daß sich der Mann, den man gemeinhin als den Stifter des Christentums be-