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Jeschurun · 1914-08-01 · Heft 8-9 (August 1914) · page 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1914)
Issue
Heft 8-9 (August 1914)
Date
1914-08-01
Page
– (sequence 48)
Language
German
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300 Die Beurteilung des Judentums usw. durchsetzte, daß diesem die Zensurfreiheit entzogen wurde, die er als Bibliothekar in Wolfenbüttel genossen hatte. Da flüchtete denn Lessing auf das Theater in der Hoffnuüg, daß man ihn ״von seiner alten Kanzel ungestört werde predigen lassen*‘. Unter solchen Umständen hatte er wahrlich keine Veranlassung festzustellen, daß sich auch innerhalb der überlieferten Religionen sehr edle, unter den Freigeistern sehr schlechte ]Menschen finden. "Wollte der Dichter auf das Unrecht einer Verfassung hinweisen, die einem Goze gegen einen Lessing ihren Arm lieh und einen Gelehrten wie Reimarus geradezu zum Heuchler machte, so brauchte er nur daran zu erinnern, was für Charaktere auf dem Boden der verfolgten, was für welche auf dem der bevorrechteten Anschauung möglich waren. Er zeigt das an ihm und seinem Freunde geschehene Unrecht in starker, aber nicht unwahrscheinlicher Vergrößerung, indem er dem Leser die Frage vorlegt, ob es wohl in Ordnung ist, daß ein Patriarch vom Staate geschützt wird in allem, was er zu seiner allerheiligsten Religion nur immer rechnen darf, ein Nathan aber dafür verbrannt wird, daß er ein Fand ohne .,die Pflicht zu glauben4‘, d. h. ohne Dogmenglauben auferzogen hat. — Aus diesen Erwägungen ist die Einseitigkeit der Charakterisierung zu begreifen, ja zu rechtfertigen. Als Lessing in den ״Juden44 einen sehr edlen jüdischen Reisenden antisemitischen Räubern gegenüberstellte, wollte er damit gewiß nicht sagen, daß alle Juden edle Menschen seien, ja nicht einmal, daß unter Juden der Adel der Gesinnung häufiger sei als unter ihren Gegnern. Nur auf die Möglichkeit wollte er hinweisen, daß es auch unter diesem ,,ungleich mehr verachteten als verächtlichen‘* Volke edle Menschen gebe: sehen diese Möglichkeit genügte ja, um die schwere Ungerechtigkeit darzutun, die in der Zurücksetzung der Juden lag. Ebenso genügte es, im ״Nathan14 zur Anschauung zu bringen, was für Charaktere innerhalb und außerhalb der priviligierten Religionen möglich sind, um in der Zurücksetzung des Deismus hinter dem positiven Christentum ein unerträgliches Unrecht erkennen zu lassen.

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