Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1914-08-01 · Heft 8-9 (August 1914) · page 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1914)
Issue
Heft 8-9 (August 1914)
Date
1914-08-01
Page
– (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2292930-2292938--00342-2293577
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Beurteilung des Judentums usw. 299 sie zu teilen, ist der große Streiter gegen alle Voreingenommenheit auch ihnen entgegengetreten. In seinem Jugenddrama ..der Freigeist“ schildert er die Bekehrung eines fanatischen Atheisten, der keinem ״Pfaffen“ eine anständige Handlungsweise Zutrauen möchte, durch einen edlen, feinfühligen Geistliehen. Die offenbare Einseitigkeit der Verteilung der Charaktere hat vielmehr ihren Grund in der Entstehungsgeschichte des Stückes. Erst diese zeigt uns die wahre Absicht des Dichters. Nicht den Religionen als solchen gilt sein Kampf, sondern dem Anspruch, den das Christentum und — nach Lessings Meinung — auch die anderen Bekenntnisse erheben, ein Glaubensmonopol zu besitzen und den Deismus mit den Waffen staatlicher Privilegien bekämpfen zu dürfen. Er will, um seine eigenen Worte anzuführen, ״seine Leser an der Evidenz und Allgemeinheit (d. h. Allgemeingültigkeit) ihres Bekenntnisses zweifeln“ lehren und ihnen die Deisten ״in einem besseren Lichte erscheinen lassen, als in welchem der christliche Pöbel sie gemeiniglich erblickt“. Zur Vertretung dieser Anschauungen hatte der Dichter folgende Veranlassung. Er hatte nachgelassene Schriften seines Freundes Reimarus anonym herausgegeben, die heftige Angriffe gegen das Christentum enthielten, zugleich auch die bittere Klage des Verfassers, der seine Ansichten niemals hatte bekennen dürfen, daß jede Konfession ein gewisses Maß von Bekenntnisfreiheit genieße, nur nicht die ״vernünftigen Verehrer Gottes“, die Deisten. Lessing teilte die Ansichten des Freundes in wesentlichen Punkten nicht, wie er bei der Herausgabe auch bemerkte, stellte sie aber zur Diskussion mit dem Wunsche, daß das Christentum einen ebenso gelehrten Verteidiger fände, wie es einen Angreifer gefunden habe. Nun wendete sich aber der Hamburger Hauptpastor Göze nicht etwa in erster Reihe gegen die Angriffe des Unbekannten, sondern gegen deren Veröffentlichung durch Lessing, in welcher er eine Gefährdung des Seelenheils der Leser sah, und als dieser die Antwort nicht schuldig blieb, wußte Göze den Arm des Gegners mit Hilfe der Staatsgewalt zu lähmen, indem er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.