Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Die Beurteilung des Judentums usw. ״gegen beide Religionen gleichgültig ־und verlachte oder verachtete ich in meinem Sinn jede Offenbarung, so wüßte ich gar wohl, was die Klugheit rät. wenn das Gewissen schweigt44. Er gibt zu, auch in seiner Religion ״menschliche Zusätze‘* gefunden zu haben, bekennt sich aber ״nach vieljährigem Forschen von dem Wesentlichen seiner Religion so fest, so unwiderleglich überzeugt, wie Sie oder Herr Bonnet nur immer von der Ihrigen sein können“. Der Unterschied ist so grundlegend, daß uns die Frage noch wird beschäftigen müssen, wieso Mendelssohn an dem ״Nathan“ solch ungetrübte Freude hat empfinden können. Jedenfalls kann über Lessings Stellung zu den Religionen kein Zweifel mehr walten. Sie stehen für ihn alle auf einer Linie. Keine steht so tief, daß sie den Weg zur Humanität versperrte, keine hoch genug, ihn zu eröffnen. Die Quelle der Humanität ist nach unserem Drama vielmehr die Vernunft, nicht der Glaube und auch nicht das Gefühl. Als in jener herrlichsten Szene des Dramas (IV 7) Nathan sich von den nur zu begreiflichen Regungen des Hasses dazu aufrafft, in dem ihm überbrachten Christenmädchen den Ersatz für seine sieben Söhne zu sehen, ruft er sich zu: ״Ube, was du längst begriffen hast, was sicherlich zu üben schwerer nicht als zu begreifen ist, wenn du nur willst.44 — Ebenso wie sein Gottesbegriff, so stammt auch seine Ethik ausschließlich aus der Vernunft; ist sie begriffen, so fällt es nicht mehr schwer, sie zu üben; schwer ist nur das Begreifen, weil es im Kampfe gegen ein Vorurteil geschehen muß. Wie sind diese Anschauungen Lessings zu beurteilen? Zunächst ein Wort zur Verteidigung derjenigen Ansicht des Dichters, der wir zustimmen, die man aber mit Unrecht beanstandet hat. Man hat Lessing den Vorwurf gemacht, er habe den Juden Nathan mit fremden, christlichen Federn geschmückt. Zur Entkräftung genügt eine literar-historiseke Betrachtung. Man hat oft darauf hingewiesen, daß die Erzählung von den drei Ringen, die Lessing dem Decamerone des Boccaccio