Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Beurteilung des Judentums usw. 295 nicht — unter den gegenwärtigen Inhabern erscheint keiner würdig, sein Träger zu sein. Das Ziel der Humanität ist freilich für die Anhänger jeder Religion erreichbar: aber es kann nach dem Dichter aus keiner Religion unmittelbar geschöpft, muß vielmehr im Kampfe gegen Engherzigkeit und Unduldsamkeit der Religionen erreicht werden. Denn die Idealgestalten, die man als Vertreter der Reügionen angesprochen hat (Nathan, Templer, Saladin), stehen in Wirklichkeit sämtlich innerlich abseits ihrer Bekenntnisse. So wenig wie der Sultan, der an Mischehen zwischen Christen und Mohammedanern keinerlei Anstoß nimmt und nicht mit ״glatten Steinen“, sondern mit den vom Koran verbotenen Figuren Schach spielen will: so wenig wie der Ritter, der sein Zölibatsgelübde durch die Ehe mit einer Jüdin brechen will, — ebensowenig ist Nathan als Vertreter seiner Religion gemeint. Er hat Recha ״ohne Schweinefleisch“ erzogen, aber sie ״von Gott nicht mehr noch weniger gelehrt, als der Vernunft genügt“, a. h., ihr keinen Offenbarungsglauben als verbindlich hingestellt. Gegen die schweren Vorwürfe des Tempelherrn nimmt er seinen Glauben nicht in Schutz: vielmehr zeigt er durch die Antwort: ״Verachtet mein Volk, soviel Ihr wollt‘‘, daß er sie für vollkommen verdient hält. Gewiß trägt er Züge Moses Mendelssohns, — wie der Patriarch solche des Hauptpastors Göze, von dem noch die Rede sein wird. Aber so wenig wie dieser (auch nach Lessings Meinung) zum Meuchelmorde angestiftet haben würde, so wenig hätte Mendelssohn daran gedacht, sich mit den Worten: ״Sind wir unser Volk?“ von seinem Glauben innerlich loszusagen; und so sehr sich seine Humanitätsideale mit denen Lessings begegneten, so weit war er davon entfernt, dem Deismus, also einem jede Offenbarung verwerfenden Vernunftglauben zu huldigen, wie Nathan, dem es ״genügt, ein Mensch zu sein“, d. h. keiner der positiven Religionen innerlich anzugehören1). ״Wäre ich“, schrieb Mendelssohn an Lavater, 1) ״Nathans Gesinnung gegen alle positive Religion ist von jeher die meinige gewesen“, schrieb Lessing im Entwurf zu einer Vorrede.