Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292938--00337-2293572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 94 Die Beurteilung des Judentums usw. Daja beweisen deutlich, daß nach seiner Meinung das Christentum dem Erwerb der Humanität keine geringeren Schwierigkeiten entgegensetzt als irgend eine andere Religion. Begreiflicher erscheint es uns. daß man in Hinblick auf die letztangeführten Momente angenommen hat, Lessing habe in seinem Drama geradezu das Judentum auf Kosten des Christentums verherrlichen wollen. Dies ist von verschiedenen Seiten behauptet worden; ein antisemitisches Bilderbuch, das man eine Zeitlang auf Barmizwa-Tischen nicht selten sah, die sogenannte deutsche Literaturgeschichte von Koenig, beruft sich für diese ihre Behauptung auf — den ״Israelit“. Aber auch diese Auffassung hält näherer Betrachtung nicht stand. Ganz abgesehen davon, daß Lessing gleichzeitig in der ״Erziehung des Menschengeschlechts44 in dem stärkeren Hervortreten der Unsterblichkeitslehre einen Yorzug des Christentums vor dem Judentum zu sehen glaubte, macht der Dichter den Hauptvorwurf, den er gegen die drei Religionen erhebt, denjenigen des ״Stolzes44, dem Judentum nicht minder als den anderen Bekenntnissen, ja, er meint, daß das Judentum diesen Stolz zwar nicht stärker, aber früher als die anderen Religionen gezeigt habe. Wißt Ihr, Nathan, welches Volk zuerst das auserwählte Volk sich nannte? . . . Wie, wenn ich dieses Volk nun zwar nicht haßte, doch wegen seines Stolzes zu verachten mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes, den es auf Christ und Muselman vererbte, nur sein Gott sei der rechte Gott? . . . Wenn hat und wo die fromme Raserei, den bessern Gott zu haben, diesen bessern der ganzen Welt als besten aufzudringen, in ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr gezeigt als hier, als jetzt? Diesem Vorwurf entspricht auch das Verhalten der drei Brüder in der Ringfabel. Sie benehmen sich alle gleich, einer so lieblos wie der andere. Ob der rechte Ring verloren ging oder