Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292938--00335-2293570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
292 Die Beurteilung des Judentums usw. sondern darüber hinaus ein günstiges Vorurteil in Bezug auf die Stellung des Stückes zur jüdischen Religion erweckt hat. Man kann sich nicht gut vorstellen, daß ein Drama von solch freundlicher Steilung zu den Interessen der Judenheit dem Judentum als Religion anders als günstig gegenühertreten sollte. Und doch bedarf diese Frage eingehender Prüfung. Nicht selten haben Vorkämpfer unserer Gleichberechtigung, Nichtjuden und Juden, über unser Bekenntnis recht unrichtig geurteilt. Und Lessings Drama ist mehr als ein Drama der Toleranz. Es enthält eine sehr bestimmte Stellungnahme zu den positiven Religionen, insbesondere allerdings zum Christentum. "Wie urteilt es über das Judentum? Können wir Lessings Stellungnahme billigen? Und wenn nicht, was haben wir seiner Beweisführung entgegenzustellen? Man lehne diese Fragestellung nicht mit dem Hinweise ab, es habe uns Juden nicht zu kümmern, was der und jener auf anderen Gebieten bedeutende Nichtjude über unsere Religion gedacht habe. Ganz abgesehen von theoretischen Erwägungen — unsere Jugend beschäftigt es durchaus, was uns der genialste Kritiker der Deutschen über religiöse Fragen zu sagen hat, und sie wird gelegentlich durch seine Gedankengänge, wie die Erfahrung lehrt, recht stark beeinflußt. Durch seine freundliche Stellung zu unseren Interessen gewinnt Lessing besonders leicht unser Ohr; und je deutlicher der reine Adel sittlicher Gesinnung aus seinem Werke spricht, um so maßgebender erscheint idealgesinnten jungen Menschen sein Urteil. Es genügt daher nicht, darauf hinzuweisen, daß Lessing als Nichtjude unmöglich in jüdisches Empfinden vollkommen eingedrungen sein kann, daß er das Judentum, namentlich seine nachbiblische Geschichte und seine Religionsphilosophie, nur sehr ungenau kannte, und daß er mit den Maßstäben seiner Zeit, des rationalistischen 18. Jahrhunderts, gemessen hat. Es gilt vielmehr, die Anschauung, wie sie im .,Nathan“ zutage tritt, wiederzugeben und im einzelnen nachzuweisen, in welchen Punkten der Nichtjude und der Rationalist zu Schlüssen gelangt ist, die wir nicht billigen können.