Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Der Weltkrieg. Jammer derer ermessen, die in Feindesland die Schrecken des Krieges erfahren, die unschuldig büßen für die Frevel ihrer Regierungen. Es ist der erste religiöse Gewinn dieses Krieges, daß man wieder von Gott reden darf, ohne fürchten zu müssen, ob des ״Pfaffengewäsches“ verspottet zu werden. Fern sei es von uns, diejenigen, die vor dem Feinde den Tod finden, oder die, auf die das Elend dieser Zeit in gehäuftem Maße fällt, als besonders strafwürdig anzusehen. Das Problem der Theodicee ist noch immer nicht gelost. LTnd noch immer bleibt als einzige Antwort für das gläubige Gemüt die Antwort, die im Buche Hiob gegeben, daß vom alliebenden Gott auch im schwersten Geschick nur Gutes kommt. Das aber dürfen wir sagen, und wir haben es auch in den Blättern gelesen, in denen die Worte des überlieferten Glaubens keine Stätte finden, daß diese Zeit eine Zeit der Läuterung ist, da alles Kleine uud Niedrige hinweggescheucht, da die Sittenreinheit, die als veraltete Schrulle galt, wieder eine Tugend ist, das schrankenlose Genießen geächtet und der Mensch nach dem geschätzt wird, was nicht äußere Schale, sondern sein innerster Kern. Die Menschheit fand den Weg nicht aus eigenem Antrieb. Darum mußte sie durch ein Meer von Blut, durch namenloses Elend den Schritt zur Vollendung lenken. ״Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege ist der Ausspruch des Ewigen.“ Aber Gott hat auch in unser Herz das Streben gelegt, dem Sinn des Weltverlaufs auf den Grund zu gehen. Und so glauben wir, und unser heißer Wunsch ist, daß dieser Hoffnung Erfüllung wird, daß auch der Teil der Menschheit, der auf dem weiten Erdenrund in den letzten Jahrzehnten die größten Qualen zu erdulden hatte, unsere Glaubensbrüder in Rußland, von denen so viele dahingemordet, die systematisch dem Hungertod preisgegeben, in ihrem Heiligsten gekränkt wurden, in dieser großen Erdumwälzung nun auch ihrer Erlösung entgegenharren dürfen. Freilich, was immer in Rußland in der ersten Zeit sich er-