Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religiöse Gewöhnung im Kindesalter. 239 Zeitverhältnissen ist diese unbewußte Entwicklung des religiösen Gefühls durchaus nicht immer oder doch nicht immer in der genügenden Stärke einfach zu erwarten. Daher bedarf die Entwicklung des religiösen Gefühls heute besonderer Beachtung und Pflege. Das ist auf mancherlei Weise möglich. So ist z. B. dafür Sorge zu tragen, daß alle religiösen Eindrücke in voller Reinheit und Stärke dem Kinde übermittelt werden, daß das Kind also Ehrfurcht vor Gott, Weihe, Andacht beim Gottesdienst und jüdische Ereude im Hause groß und rein erlebt. Dabei ist wohl zu beachten, daß religiöse Eindrücke meist zusammengesetzter Natur sind, daß mit ihren rein religiösen Momenten für fast alle Menschen — und für Kinder im besonderen — ästhetische Momente verknüpft sind. Bei Menschen mit ausgeprägter ästhetischer Veranlagung kann das betreffende ästhetische Moment den religiösen Eindruck außerordentlich verstärken. Erleidet aber das ästhetische Gefühl Störungen, so überträgt sich die dadurch hervorgerufene Unlust nur allzu leicht auf den gesamten religiösen Eindruck. Soll der religiöse Eindruck also rein und groß erlebt werden, muß auch ästhetisch Störendes dem Kinde ferngehalten werden. Auch durch lebendiges, natürlich nicht zu abstraktes oder trocken-lehrhaftes Wort kann das religiöse Gefühl belebt und vertieft werden. Besonders bei religiös-ethischen Handlungen dürfte ein hinweisendes Wort oft die rechte Gefühlslage fördern. Die Gewöhnung an religiöse Gefühle gibt aber dem religiösen Handeln den Ton. Durch diese Synthese von Handeln und Gefühl wird die Aufmerksamkeit des Kindes stetig angeregt, also der Mechanisierung entgegen gewirkt. Je tiefer und je reicher sich die Gefühlsbetonung gestaltet, desto geringer wird die Gefahr der Mechanisierung des religiösen Tuns. Auch die Entwicklung religiöser Gedanken im jugendlichen Intellekt wird naturgemäß die Gewöhnung an religiöses Tun sehr bald von selbst begleiten. Aber auch hier muß zu einer gewissen Zeit eine besondere Beachtung der geistigen Ent- Wicklung einsetzen. Rehgiöses Tun und sein geistiger Gehalt müssen zueinander in innige Beziehung gebracht werden, damit