Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292937--00274-2293508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
236 Die religiöse Gewöhnung im Kindesalter. die rechte Hand“, ״Mach eine Verbeugung“, ״Iß nicht so, sondern so“. Mit einmaligem Sagen ist aber das Kind noch längst nicht zu einer Umgangsform ״erzogen“. Der Erzieher muß nun darauf achten, daß das Kind jedesmal die rechte Hand gibt, jedesmal eine Verbeugung macht, wenn die Gelegenheit dazu kommt. So übt das Kind alle jene Sitten, bis sie ihm völlig zur Gewohnheit geworden sind, bis sie ihm so in Fleisch und Blut übergegangen sind, daß es sie auch ohne besondere Denkarbeit ausübt, daß es schon rein mechanisch die rechte Hand gibt, seine Verbeugung macht usw. Wann aber soll der Erzieher das Gefühl für die Schönheit der Umgangsformen oder die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit und Berechtigung im Kinde wecken? Das wird gewöhnlich erst Jahre nachher nötig sein, oft, je nach Veranlagung und Milieu, sich von selbst oder doch nur mit geringer Nachhilfe von seiten des Erziehers einstellen. Daran aber kann wohl nicht gezweifelt werden, daß jene Sitten, die im zartesten Alter geübt und dem Kinde zur Gewohnheit geworden sind, die dauerhafte Basis für seine Umgangsweise im späteren Leben bilden. Und doch wurden sie zu Beginn weder gefühlsnoch erkenntnismäßig erfaßt. Wie in diesem Beispiel der Erzieher das Kind für das gesellschaftliche Leben vorbereitet, so führt der jüdische Erzieher das Kind in das Heiligtum der jüdischen Religion ein: er macht es zunächst mit ihren Betätigungsformen vertraut. Und zwar beginnt er damit möglichst früh; denn auch das Fehlen einer echt-jüdischen Kinderstube ist in späteren Jahrzehnten selten vollkommen zu ersetzen. Wie in jenem Beispiel sind auch hier Verstandes- oder gefühlsmäßige Erläuterungen einstweilen unnötig. Ja, neben diesem ersten und wichtigsten Moment der Gewöhnung an die religiösen Lebensformen kommen die Abstrakta der Metaphysik und der Ethik für die Erziehung erst in zweiter Linie in Betracht. Der Erzieher übt zunächst mit dem zarten Kinde, daß es das שמע sage (als Vorstufe zum regelmäßigen Beten überhaupt), daß es die ציצית trage, daß es von dem erhaltenen Spargelde einen Teil in die Armenbüchse lege usw. In allmählich wachsendem Umfang gewöhnt er durch