Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292937--00263-2293497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vom alten Stamm. 225 flüstert ihm zu, er solle ihm folgen zu Gott in dem Himmel, ins Paradies. ״Und wie lebt es sich dort im Himmel, im Paradiese?‘4 fragt er. 0״ gut!44 ist die Antwort. ״Im Lichte der göttlichen Gnade, im Glanze des Gottesthrones, mit goldener Krone auf dem Kopfe, in ewiger, lichter Wonne, unaufhörlichem strahlenden Glück . . . Komm!״ ״Ja aber was soll ich dort tun?“ fragt der Sterbende wieder. ״Gibts dort jemandem zu helfen, Gefallene aufzurichten, Kranke zu heilen, Hungernde zu sättigen, Verschmachtenden den Trank zu reichen, Verlorene zu suchen und zu finden, das war doch mein Glück hienieden!44 Der böse Engel benutzt die Verlegenheit des guten und tritt an der zweiten Seite ans Bett heran. ״Komm doch lieber mit mir,44 raunt er dem Sterbenden ins Ohr. — ״Wohin?— ״ ״Dorthin, wo es dein Herz gelüstet. Zu den Unglücklichen, Hungernden, Verschmachtenden, zu den Ohnmächtigen und Gemarterten, zu den Verlorenen, Verfluchten und von Gott Vergessenen! Helfen wirst du ihnen nicht können, aber mit ihnen leiden, mit ihnen fühlen.44 ״Ich geh mit dir! Mit dir!*4 ruft der Kranke mit Macht- Soll hier die Bedeutung der echten Beligiösität geschildert werden, daß es nicht der Lippendienst tut und nicht die Unterwürfigkeit gegenüber Gott, wenn die Menschenliebe außer Acht gelassen wird, so sind wir die Letzten, die etwas dagegen einzuwenden haben. Darüber hat Jesaja in der Prophetie, deren überragende Wichtigkeit wir dadurch anerkennen, daß wir sie am Versöhnungstage verlesen, Worte gesprochen, deren Schärfe nicht übertroffen werden kann. Doch was soll die Heranziehung des langgezogenen אהד, daß ״Nachmenke sich nicht die Nägel beschnitten hat, wie das Gesetz es vorschreibt,44 alte Ladenhüter aus der Zeit der ersten russischen Aufklärungsperiode. Man merkt die Absicht, und man wird verstimmt. Doch das mag noch hingehen. Aber der Gedanke, daß der Fromme lieber in die ״Hölle44 gehen will, um dort mit den Gemarterten zu leiden und zu fühlen, wenn er ihnen auch nicht helfen kann, statt in den Himmel zu den Freuden der Gottesnähe, dieser Gedanke ist nicht nur durchaus unjüdisch, er ist auch nicht ein-