Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Vom alten Stamm. der Jargonliteratur erwiesen. Vor zwanzig Jahren galt diese Literatur bei den ״echt deutschen Leuten״ unter uns Juden als ein Produkt häßlichster Sprachverderbnis, wenn nicht gar die antisemitische Bezeichnung des Mauscheins darauf angewandt wurde. Heute ertönen die Lieder in den Salons nach sehr modernen Diners. Wie unendlich tief aber der Eindruck ist, den diese Lieder auf jedes unverbildete Gemüt üben, wie außerordentlich sie geeignet sind, uns in die Gefühlswelt jener großen Masse einzuführen, die doch Kern und Grundstock des jüdischen Volkes und Quell und Hauptstütze des Judentums ist, das bedarf für den keiner weiteren Erklärung, der sie kennt. Ein Beispiel: Einer der edelsten Blüten jüdischen Empfindens ist צדוק הדין, mitten im Unglück den strafenden Gott preisen wegen seiner Gerechtigkeit. Dafür geht der nichtjüdischen Welt so sehr alles Verständnis ab, daß sie diese Eigenheit des Juden, im Unglück auszurufen: ״Gott, du Gerechter!44 zu einem Schimpf- und Spottwort ausgenutzt hat. Wir westeuropäischen Juden haben uns sehr zu unserem ״Vorteile“ verwandelt. Wir rufen nicht mehr: ״Gott, du Gerechter!a Aber auch unsere ganze Gedankenwelt ist diesem Ausruf fremd geworden, und nur bei einer Beerdigung, da wird sie in uns wach, weil die Liturgie uns das Gebet vorschreibt צדוק הדין. Doch aus dem Osten tönt uns ein Lied entgegen, ein Volkslied, geboren aus dem religiösen Bewußtsein, wie es die Masse durchdringt und darum dies religiöse Empfindungsleben besser und sicherer charakterisierend als dickleibige Werke, das Lied: ״Gott und sein Mischpet is gerecht’. Men tor nischt sogen, dos der Aüberster is schlecht.“ Es ist für unsere dem jüdischen Gemeinempfinden entfremdete Zeit charakteristisch, daß es sicher viele unter uns gibt, die das Mecklenburger Platt sich aneignen, um Beuter im Original genießen zu können, denen aber das ״Mamme-Loschen“, die Sprache, in welcher unser ״armes in der Tenne gedroschenes Volk“ weint und lacht, sein Herz ausschüttet und sich zu seinem Gotte erhebt, für alle Zeiten fremd bleibt. Wir wissen, daß im Jargon besonders in der neuesten