Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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212 Die böse Zunge. II. Aber noch schlimmer erscheint uns die üble Nachrede, wenn wir bedenken, wie unverständlich und unbegreifbar der Trieb ist, der dazu verleitet. Jede Sünde ist letzten Endes der Ausfluß einer Torheit, wie es der griechische Weise ausdrückt: Keiner sündigt aus freiem Willen, es ist Mangel an Einsicht, der den Menschen dazu führt. Würde ihm das Unrecht klar vor Augen stehen, könnte er es in allen seinen Folgen übersehen, könnte er den Gewinn, den es ihm im Augenblick der Tat bringt gegenüber all den Nachteilen, die sich für jetzt und die Folgezeit daran knüpfen, ab wägen, er würde nicht sündigen. Und drastischer noch sagt das Talmud: p אין אדם חוטא אלא אם נבנם בו רוח שטות keiner begeht eine Sünde, es sei denn vorher in ihm der Geist des Wahnsinns gefahren. Und dennoch, wir werden es nicht rechtfertigen, aber wir können es verstehen, wenn einer dem Ansturm der Verhältnisse gegenüber in seiner Schwäche nachgibt, den Sabbat und die Speisegesetze verletzt, wenn einer sich an dem Gute des anderen vergreift, wenn seine Leidenschaft ihn hinreißt, die Schranken der Sitte und Keuschheit zu durchbrechen. Die Sünde erscheint oft im bezaubernden Gewände, ״durch die Gewalt ihrer Rede verlockt sie ihn, reißt ihn fort mit ihren glatten Lippen, daß er ihr plötzlich folgt wie ein Stier, den man zur Schlachtbank führt.“ Der übermächtige Trieb, sinnlose Leidenschaft, Schwäche des Charakters, sie alle erklären die anderen Vergehen und Yerbrechen. Aber לשון הרע? da fragt schon der Psalmist מה יתן ״ לך ומה יוסיף לד לשון דמיהWas gibt dir, was schafft dir die trügerische Zunge?“ Welche Befriedigung kann es gewähren, Verleumdungen umherzutragen, welches Vergnügen einem bereiten, schlimme Reden zu führen, welcher Gewinn ist zu erzielen, wenn man den anderen in der Achtung herabsetzt? Wo ist hier das Verlangen, wo ist hier der Trieb, wo hier die Leidenschaft?! Der Midrasch deutet den erwähnten Vers מה יתן לך ומה יוסיף לך לשין דמיה in eigener Weise: ״Alle Glieder des Menschen stehen senkrecht, du Zunge liegst wagerecht, alle