Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die böse Zunge. 209 weil er der Vernunft allein nicht gehorchen zu dürfen glaubt, der wird diese Autorität nicht darin finden, daß andere aus gleichen Gründen mit seiner Meinung übereinstimmen, der wird die Vernunft anderer nicht bloß darum, weil sie die Vernunft anderer ist, über seine eigene setzen. Hätte unter hundert nur einer eine freiere Überzeugung, so würde er ganz mit demselben Rechte nach dieser Überzeugung handeln und der Beobachtung der Zeremonialgesetze entsagen, als wenn die übrigen neunundneunzig seine Meinung teilten, sowie im umgekehrten Fall ein einziger unter hundert, der sich zu der strengeren Meinung bekennte, in der abweichenden Ansicht der neunundneunzig keinen Grund finden würde, der seinigen nicht zu folgen. Es ist ein unpassendes Unternehmen, den Autoritätsglauben zu Hilfe zu rufen, um Ansichten zu verbreiten, deren Gewicht lediglich auf ihrer Vernünftigkeit beruhen soll. (Riessers ges. Sehr. II S. 532—34.) Die böse Zunge. Von Elias Gordon, Berlin. Rabbi Simeon ben Jochai, jener durch seine wunderbaren Schicksale berühmter Mischnalehrer äußerte einmal, wenn er bei der Erschaffung der Welt zugegen gewesen, er hätte von dem Schöpfer für den Menschen noch einen zweiten Mund erbeten, damit er den einen zum Alltagsgespräch gebrauche, den anderen aber zum Gebet und zum Studium der Thora; denn es zieme sich nicht, daß das Heilige und Fromme von denselben Lippen ertöne, wie das Alltägliche und Gemeine. Doch später habe er eingesehen, daß die Weisheit des Schöpfers auch hierin des Menschen Wähnen übersteige. Mit dem einen Munde richtet der Mensch soviel Unheil an durch böse Reden, hätte er deren zwei, die Welt würde nicht bestehen können. Wir sehen, der Talmud kann auch scherzen, aber in diesem Scherz birgt sich ein bitterer Ernst. Diesem ernsten Gedanken einmal nachzugehen, halten wir für angemessen, mag die uralte