Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · page 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
100% known words query
IRI
…/2292929-2292930-2292936--00241-2293474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

208 Moderne Synoden. man etwa dann die Minorität, die anderer Meinung ist, verpflichtet erachten, diese Vorschrift wie ein wirkliches Gesetz fernerhin zu befolgen? Wollte man das, so würde man den Juden eine Gewalt aufdringen, von welcher sie bis jetzt nie eine Vorstellung gehabt haben. Denkt man aber dabei, wie es wohl die meisten denken, daß die anderen doch ja nachher tun und lassen können, was sie wollen, so erscheint es ais eine leere, einer ernsten Sache unwürdige Spielerei, eine Autorität anzurufen, deren man sich allenfalls bedienen würde, wenn ihr Ausspruch der eigenen Meinung entspräche, dabei aber im voraus entschlossen ist, keine Rücksicht auf sie zu nehmen, wenn ihre Entscheidung anders ausfällt. (Riessers gesammelte Schriften II 242 — 43.)?ג Es ist freilich eine auf bestimmten Grundsätzen einer positiven Religion gegründete Autorität denkbar, die auf das Gewissen ihrer Bekenner Einfluß üben könnte in der Art, daß sie sich durch ihren Ausspruch von der Erfüllung einer religiösen Pflicht dispensiert glaubten. Eine solche Autorität müßte aber neben der Macht zu lösen, auch die Macht zu binden besitzen: denn das religiöse Gewissen läßt nicht mit sich spielen, und nimmt nur von derjenigen Macht einen Erlaß an, von der es auch einen Befehl annehmen würde. Eine solche Autorität kann ferner nur da Einfluß üben, wo es sich um einzelne Auslegungen und Exekutionen innerhalb des gegebenen Systems, auf das sich ihr Gewicht im ganzen stützt, nicht aber, wo es sich um das System selbst handelt. Keine Synode von Rabbinen, keine Versammlung gebildeter Israeliten, keine noch so überlegene Majorität könnte hier den Ausspruch des Gewissens ersetzen, oder auch nur ihm zu Hilfe kommen. Eine vernünftige, auf Gründen beruhende Überzeugung wird dadurch um kein Haar breit vernünftiger, daß sie von mehreren, die sie längst hegen, zugleich ausgesprochen wird. Wer aber, um in religiösen Dingen seiner Überzeugung zu folgen, einer religiösen Autorität bedarf,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.