Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · page 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2292929-2292930-2292935--00205-2293437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

In der Hermannshöhle. 179 er jetzt, ״daß ihr das Linienstück als gerade anspracht? "Worin lag die unberechtigte Schlußfolgerung, daß ihr den Bogen als zu einem Kreise gehörig voraussetztet? Nun, ihr nahmt ohne weiteres an, daß die Linie stets die gleiche Richtung, denselben Verlauf nehme, daß sie sich notwendig so fortsetzen müsse in die Unendlichkeit, wie sie euch auf den ersten Blick erschien. Das ist aber ein Irrtum. Man kann aus dem kleinen Teil nicht auf das große Ganze, mathematisch ausgedrückt, aus dem Differential nicht ohne Kenntnis der Anfangsbedingungen auf ein eindeutiges Integral, aus dem Linienelement nicht streng auf die ganze Linie und ihre weitere Erstreckung schließen. Der menschliche Geist ist aber stets geneigt, diesen falschen Analogieschluß zu machen und anzunehmen, weil ich an einem mir zugänglichen Teile diese oder jene Beobachtung mache, so gilt diese für das Ganze als Gesetz und Regel. So ist es auch mit der Naturwissenschaft. Zugänglich ist uns ein kleiner Zeitabschnitt, in dem wir die Naturvorgänge verfolgen und Gesetzmäßigkeiten ihres Ablaufes entdecken. Dann sagen wir unberechtigt, diese Form, diese Regel, diese Eigentümlichkeit des Prozesses gilt von Ewigkeit her und ist stets sich gleich geblieben. Das ist aber ein unbeweisbarer Schluß, vielleicht ein Trugschluß. Nehmen wir als Beispiel unsere Tropfsteinhöhle. Seit ungefähr 40 Jahren verfolgt man messend die Gesetze ihrer Bildung und findet, in einem Dezennium hat sich 1 mm Tropfstein abgesetzt. Wer aber sagt uns, daß diese Größe immer gegolten hat? Hängt nicht die Verdunstung von Wasser und Kohlensäure von tausend Bedingungen der Temperatur und des Druckes ab? Wer sagt uns, daß im Innern der Höhle stets die gegenwärtige Wärme geherrscht, daß das Wasser immer gleich reich an Kalkstein war? Man kann es nicht einmal als wahrscheinlich bezeichnen, daß diese Bedingungen stets die gleichen waren. Denn früher herrschte auf der Erde eine weit höhere Temperatur, so daß in Schweden Palmen wuchsen, wie die Ausgrabungen und Fossilien zeigen. Wenn die Säule 8 m langist, da haben sich vielleicht die ersten 4m in einem Viertel der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.