Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichtliche Wanderungen. 169 religiösen Vorträgen ist nur eine Predigt in spanischer Sprache zum Buß־Sabbath und eine Trauerrede auf den Kaiser Franz II. im Druck erschienen. Diese hatte er in der großen Synagoge spanisch vorgetragen, und sein Sohn, der Arzt und Philosoph Dr. Joseph Castello ließ sie in italienischer Übersetzung erscheinen. Seine Predigten waren so beliebt, daß er oft täglich zwei- oder dreimal in den verschiedenen Synagogen zu predigen hatte. Auch nichtjüdische Gelehrte rühmten und ehrten ihn und drängten sich zu ihm, um mit dem gefeierten Gelehrten über religiöse und philosophische Fragen sich zu unterhalten. Mehr noch als durch sein reiches Wissen erwarb er sich die Liebe seiner Zeitgenossen durch seinen reinen, friedfertigen Charakter, so daß man ihn von den verschiedensten Seiten als Vermittler bei Streitfällen anrief und sich seinem schiedsrichterlichen Urteil gern unterwarf. Doch blieb dieser herrliche Mann in seinen späteren Jahren von des Geschickes Mächten nicht verschont — und dies dürfte die dunkle Nachrieht von der Wendung im Leben dieses Mannes sein, welche zu Lessing drang. Von seinen Söhnen zeichnete sich besonders der bereits erwähnte Arzt aus, der als eine Autorität auf medizinischem Gebiete zu hohem Ansehen gelangte. Noch jung an Jahren, war er bereits mit dem Plane beschäftigt, die Geschichte der medizinischen Studien in Toscana zu schreiben: er legte seinen wissenschaftlichen Plan dem Großherzog Leopold I., dem späteren Kaiser von Österreich, vor, und dieser nahm gern die Widmung des WTerkes an. Da raffte der Tod urplötzlich den jugendlichen Verfasser hinweg, und dieser harte Schlag konnte den Vater nicht zwar ganz beugen, aber die heitere Seelenstimmung, welche bis dahin sein ganzes Wesen atmete, war von nun an dauernd von ihm gewichen. Wohl fand er einigermaßen Trost in den Erfolgen eines anderen Sohnes, welcher sich ebenfalls als Arzt auszeichnete; allein ganz erholen konnte er sich nicht mehr. Die Trauer um seinen ältesten Sohn verließ ihn nicht, sie raubte ihm die Lebenskraft, und so sank er am 9. Ab 1789 ins Grab. Vor seinem Tode hatte er angeordnet, daß man ihn mit keinem Ehrentitel