Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292935--00194-2293426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
168 Geschichtliche Wanderungen. erforschen, was mir auch gelungen ist. Denn Abraham Piperno, der in seinem Buche קול עגב auch hebräische Gedichte von unserem Castello mitteilt, läßt am Schlüsse eine Biographie des letzteren folgen, aus der ich hier das Nötige mitteile, um zugleich die Zeit, die Bedeutung und die Lebensschicksale mit Lessings Angaben als übereinstimmend bezeichnen zu können. Castello gehörte zum Rabbinate in Livorno, zur Zeit als Chaim Joseph David Asulai dort blühte, und somit kann die Zeit, in welcher sich Lessing in Livorno aufhielt, nämlich 1770, hiermit vollkommen harmonieren. In Ancona 1736 von armen Eltern geboren, kam Castello als dreizehnjähriger Knabe, mit guten Empfehlungen ausgerüstet, nach Livorno, wo er bei einem Korallenarbeiter in die Lehre trat. Dort lenkte er durch den Klang seiner Stimme, mit der er spanische und italienische Lieder vortrug, die erste Aufmerksamkeit auf sich. Sein Prinzipal lernte hierbei auch seine sonstigen Geistesanlagen näher kennen und entschloß sich, seinen Lehrling ausbilden zu lassen. Derselbe erhielt bald eine Chasanstelle und mit ihr zugleich die Tochter seines Vorgängers als Ehegattin. Seine wissenschaftlichen Fortschritte, namentlich in der spanischen Sprache, befähigten ihn, nach einigen Jahren als Prediger aufzutreten und seinen Ruhm zu begründen. Seine Vorträge machten einen tiefen Eindruck auf die Hörer, denn sie waren rhetorisch schön geformt, von einem herrlichen Organ vorgetragen, vorzüglich aber vom Geiste der Gottesfurcht und Wahrheit beseelt. Alte Leute erzählten dem Piperno, wie Castello sich nicht scheute, dem Reichen seine Fehler und dem Bösewicht seine Laster ernstlich vorzuhalten, und viele durch die Gewalt seiner Rede vom Wege des Bösen abzulenken wußte. Auch im Studium erzielte er für sich und bei anderen große Erfolge. Denn zu jeder Zeit, bei jeder Diskussion strahlten Ernst und Liebe für die Erforschung der Wahrheit aus seinem Gesichte. Neben der Schrift-Exegese und der Grammatik pflegte er gern die Dichtkunst, für die er viele Jünger zu gewinnen verstand. Von seinen zahlreichen