Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292934--00130-2293361- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schulzwang. 109 Es ist ein tragisches Geschick, daß die Anerkennung und Verbreitung jüdischer Ideen dem Judentum selbst häufig den größten Schaden gebracht hat. Ein klassisches Beispiel dafür bildet die Sonntagsruhe. Der Gedanke des wöchentlichen Buhetags ist dem Judentum entnommen, aber seine Verwirklichung in anderen Kreisen hat es verschuldet, daß Tausende aus unserer Mitte, oft mit blutendem Herzen, dem jüdischen Sabbat die Treue brachen; sie hatten nicht den Mut und das Gottvertrauen den Kampf mit dem Dasein unter den neuen, erschwerten Bedingungen durchzukämpfen. Eine ähnliche Erscheinung zeigt sich uns. wenn wir die Wirkungen des allgemeinen Schulzwangs betrachten. Auf sich selbst gestellt, hatte das Judentum seiner Jugend eine Erziehung gegeben, die ihr zwar keine allgemeine Bildung im modernen Sinne gewährte, die aber Menschen schuf mit einer harmonischen Welt- und Lebensanschauung. Unsere Altvordern kannten nicht die Welt des klassischen Altertums, sie lasen auch keine deutschen Bomane, aber sie hatten Ideale, die ihrem Leben einen Inhalt gaben, die ihnen in Zeiten der Buhe den inneren Frieden gewährten, in Zeiten des Kampfes aber den Mut und die Kraft verliehen, für ihren Glauben und für ihre Überzeugung die höchsten Opfer zu bringen. — Da kam die neue Zeit. Sie sprengte die Thore des Ghetto, sie brachte den Juden Licht und Freiheit, und sie brachte neben anderen modernen Ideen auch die Forderung allgemeiner Schulbildung. Es entsprach dem angeborenen Wissenstrieb der Juden, wenn sie sich nicht mit der Volksschule begnügten, sondern ihren Kindern auch eine höhere Bildung zuteil werden ließen. Der Anteil der jüdischen Jugend an der Frequenz der höheren Schulen stieg in unverhältnismäßiger Weise; damit ging aber die Abnahme jüdischen Wissens und das Schwinden jüdischer Weltanschauung Hand in Hand. Es ist hier nicht der Ort, über allgemeine Schul- Probleme, über Wert oder Unwert der modernen Schule, dem ״Kulturmädchen für alles״, wie Arthur Bonus sich einmal ausdrückt, ausführlich zu reden. Das eine aber ist sicher: die moderne Schule sucht dem Schüler eine Fülle von Wissen zu