Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Natur ein Buch Gottes. 91 bnmnen sein, aus dem die Menschheit neues Leben und frische Kräfte schöpfen will. Vorbereitet wurde dies Streben durch den gewaltigen Aufschwung, den die Naturwissenschaften nahmen. Die wunderbaren Errungenschaften auf allen Gebieten der Technik, die Entdeckungen und Erfindungen auf Grund der gewaltigen Erweiterung unserer Physik und Chemie, das alles ließ die Natur in einem ganz neuen Lichte erscheinen, als eine Quelle ungeahnter Kräfte und nie erhoffter Glücksgüter. Dazu kam. daß die herrschende Idee des vergangenen halben Jahr־ hunderts der Naturwissenschaft entnommen war. Ein jedes Zeitalter stellt in den Mittelpunkt aller geistigen Betätigung einen Grundgedanken, der befruchtend auf alle Zweige der Wissenschaft, auf alle treibenden Kräfte der Kultur wirkt. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war es die deutsche spekulative Philosophie, die in Geschichte und Literatur, in Naturwissen־ schaft und Kunst ein frisch pulsierendes Leben erweckte und ihrer Zeit den Stempel aufdrückte. Elir die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts ist die Entwickelungslehre das Schlagwort geworden. Aber ein Schlagwort nicht in dem minderwertigen Sinne dieser Bezeichnung. Die Lehre wurde zum Schlage, der tausend Verbindungen schlug, eine jede Disziplin wurde in ihren Bann gezogen. Man begegnet der Entwickelungslehre überall in unseren Hörsälen, wo immer nur die Grundprinzipien, die Methoden und allgemeinen Linien einer Wissenschaft erörtert werden. Die Entwickelungslehre aber war in ihrem ersten Stadium identisch mit dem Darwinismus und nahm bekanntlich ihren Ausgangspunkt von der Zoologie, fand die erste umfassende Anwendung auf die beschreibenden Naturwissenschaften. So trugen die Theorie und die Praxis zweier Menschenalter, die wissenschaftlichen Erörterungen und technischen Erfolge einer in der Geschichte der Menschheit überaus großen und bedeutsamen Epoche dazu bei, die Weltanschauung vorzubereiten, die wir die naturalistische nennen. In verschiedenen Formen, unter mannigfachen Bezeichnungen hat sie oft geherrscht, doch hat sie heute besonders tief Wurzel geschlagen und dadurch, daß sie überall hin ihre Schößlinge gesandt, einen weiten und festen Boden sich gesichert.