Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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9o Die Natur ein Buch Gottes. und Erstarrte die unverlierbare Jugendfrische und Innerlichkeit der nach unverkümmerter Entfaltung lechzenden MenschennaUir, gegen das Äußerliche und Geradlinige einseitiger Verstandesbildung die drängende Sprache des fühlenden Herzens, gegen das Tintenwüchsige das Naturwüchsige.“ In der Tat: von Rousseau, der uns scheinbar nur durdi sein Wort ״Zurück zur Natur“ lebt, sind gewaltige Anregungen ausgegangen. Die französische Revolution, die deutsche klassisehe Literatur, die vielfachen Systeme der Pädagogik, der moderne Sozialismus, alle haben aus ihm geschöpft. Die Rückkehr zur Natur erwies sich als eine Kraft, durch die der Menschheit eine neue Epoche geschenkt, durch die sie verjüngt und bereichert einen neuen Lebensabschnitt begann. Es scheint, als ob wir heute in einer ähnlichen Periode uns bewegen. Als ob aus der Hinneigung zur Natur und der Betrachtung der Natur der Menschheit eine neue Epoche erblühen soll. Die Weltgeschichte kopiert nicht sklavisch. Es ist nicht ein Rousseauscher Krieg gegen die Kultur und Wissenschaft, nicht Rousseauscher Gefühlsüberschwang, der uns entgegentritt. Ach nein, Rousseau würde ein seltsames Gesicht machen, würde er Zeuge sein der alles Maß überschreitenden Schätzung der Wissenschaften. Er hatte einst die Frage aufgeworfen: ״Hat die Erneuerung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu veredeln?“ und in einer Abhandlung diese Frage nicht nur verneint, sondern den Beweis zu erbringen gesucht, daß für die Völker Fäulnis, Verfall im Innern und nach außen unweigerlich dem Aufblühen der Wissenschäften und Künste folgen. Unsere Zeit wird das Urteil nicht unterschreiben, sicherlich mit Recht nicht unterschreiben. Macht und Blüte der Völker mißt sie nach dem Maß, nach dem Wissenschäften undKünste unter ihnen gedeihen. Sie ist weit genug abgerückt von der Rousseauschen Verketzerung der Kultur. Es träfe sie mit größerem Recht der Vorwurf, daß sie von der Kultur und ihren Mitteln zuviel für das Glück und wahre Wohl des Menschen erhoffe. Und dennoch ist eine Parallele mit jener Zeit nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch heute soll die Natur der Jung-