Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 64 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Hintor Mauern. Sehen wir aber von diesem einen Moment ab, das eigentlich für den Roman als Ganzes völlig unwesentlich ist und nur den offenbar für diese Kunstgattung einmal unvermeidlichen Rahmen abgibt, so können wir der Schilderung jener denkwürdigen Epoche der russischen Revolution, nur das höchste Lob zollen. In dem Schicksal einer jüdischen Familie in einem kleinen Städtchen Rußlands spiegelt sich das weltgeschichtliche Ereignis. Stark genug, daß wir den Jammer und das Elend der vielen Tausende der Gemordeten und ihrer Hinterbliebenen mitempfinden und doch ohne die verwirrende und das Gefühl abstumpfende Schilderung der Fülle jener Greuoltaten. In drei Typen treten uns „Die Gezeichneten“ entgegen. Die kleinbürgerliche jüdische Bevölkerung, verkörpert in der Mutter, die in selbstvergessener Liebe alles hingibt, um der Tochter eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen. Ihr gegenüber steht der ungebildete wohlhabende russische Kaufmann, vor dessen Augen der Sohn ungestört zum Strolch und Verbrecher heranwächst. Die von dem Gegensatz zwischen der Treue zum angestammten Glauben und der westeuropäischen Bildung aufgewühlte jüdische Jugend, dargestellt in Hanne Liebe, einer wunderbaren Menschenblüte voll Zartheit und Innigkeit. Ihr Leidensweg beginnt in der Schule, wo der ganze Haß und die Verachtung einer von Pöbelinstinkton beseelten und zum Teil durch und durch verdorbenen Kinderschaar sie umgibt, die ihre Unterstützung in der erpresserischen und dirnenhaften Schulleiterin findet. Und endlich das Renegatentum. Der Bruder Hanne Liebes hat durch die Taufe die Leiter bestiegen, die ihn von Stufe zu Stufe immer höher führt bis zur Freundschaft mit dem Generalgouverneur von Moskau. Auf der anderen Seite das Russentum. Die Masse der Bauern, ein Volk, in seiner Unbildung, seinem Instinkte dem Tiere nahestehend, aber ebensowenig schlecht wie das Tier, jungfräulich, von ungebrochener Kraft, leicht zu lenken, in Leiden und Dulden geübt, aber, aufgereizt und in Raserei versetzt, ohne jede Schranke, blind wütend, wie die Naturgewalten. Die obere Schicht, ein Teil genußsüchtig und entartet, die