Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 63 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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ES Hinter Mauern. 63 die einander gegofiüberstehen, in Wahrheit. Es wird zum mindesten nicht der leiseste Versuch gemacht, einen solchen Gegensatz zur tieferen Darstellung zu bringen. Es ist nur die soziale Stellung und der verschiedene Grad der Bildung. Wer hier hinter Mauern steht, das ist allein der Dichter, der es unternahm, die Judennot im Spiegel der Zeit uns zu zeigen und von des Juden Wesen keinen Hauch verspürt. Lehrreich, wenn auch beschämend, ist es, mit diesem ♦Schauspiel eines „jüdischen“ Dichters einen Roman zu vergleichen, der einen Nichtjuden zum Verfasser hat. Aage Madelung* s Roman „Die Gezeichneten“l) ist ein Buch, das jeden Leser in allen Fibern erzittern läßt. Wir wollen gerecht sein und berücksichtigen, daß der Gegenstand ein unendlich größerer ist. Dort das kleine alltägliche Schicksal zweier glückgewöhnter Menschen, hier die Tragödie eines ganzen Volkes. Aber wie tief ist Madelung hinabgestiegen in das russische Problem, wie herzlich hat er sich eingofühlt in die Qual unserer physisch und seelisch gemarterton Brüder. Daß er dem innersten Wesen ihres Glaubens und ihrer Religionsgebräuche nicht näher gekommen, wer will dem Nichtjuden das verargen. Auf den fünf Seiten (S. 2ö9—263), in denen er die Grundgedanken und Gebräuche dor Feste im Thiscbri schildert, sind nicht weniger als sieben Fehler. Und ebensowenig wird es uns Wunder nehmen, daß er, abgostoßen von einem Popenglauben, der zu Raub und Mord aufstachclt und unbekannt mit der inneren religiösen Gedanken- und Gefühlswelt des Judentums seine beiden Lieblingsgestalten, das durch Geistes- und Herzensbildung ausgezeichnete jüdische Mädchen und den für die Freiheit kämpfenden russischen Studenten in einem Bund eint, der seine Weihe aus der Quelle der reinen Liebe und des von allem Roligiöson freien Menschentums empfängt. Wir wissen, daß das reinste Glück auch hienieden — lassen wir die Forderung der Religion völlig aus dem Spiel — keinem erblüht, der mit allem, was ihn an die Tradition der Vergangenheit geknüpft, gebrochen hat. *) Verlag toq S. Fischer, Berlin.