Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 62 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Hinter Mauern. die alten Levins recht artig zu einem Diner bei Etatsrats geladen. Die Menschen aus zwei Welten finden sich. Und die Katastrophe tritt erst ein, als die kommenden Kinder gotauft worden sollen. Dieser alte Levin, der in glühenden Tiraden des Haßes sich ergeht, gegen die Mischehe nichts einzuwenden hat und nur gegen die Taufe seinen ganzen Zorn entlädt, ist eine völlig unmögliche Figur; farblos und nichtssagend sind die anderen jüdischen Gestalten dos Stückes. „Charakterisiert“ werden die gebildeten Personen durch banale Redonsarton, die weniger gebildeten dadurch, daß sie von ihren Geschäften reden. Aber der Gipfel ist die Milieuschilderung. Das also ist der Freitagabend in einem jüdischen Hausei Von religiöser Weihe auch nicht eine Spur. Nicht einmal das auch im Hause des Reformjuden noch beliebte Requisit der Sabbatlichte und des Kiddusch. Familiengezänkund das Geschäft und andächtige Erwartung, wenn das Essen gereicht wird! Das Köstlichste, das wir besitzen, wird so in den Staub gozogon. Wir stoben nicht an, derartige Stücke für noch gefährlicher zu halten als die Darbietungen in den Theatern, wo die Zote und der Ehebruch als Schilderungen jüdischen Familienlebens sich geben. Die Übertreibungen hier erfahren bei dem wohlwollondon Beurteiler von selbst eine Korrektur. Die Reinheit der jüdischen Ehe ist allzubekannt, als daß die Verzerrung nicht durchschaut werden sollte. Aber das besprochene Stück tritt im vornehmen Gewände des Schauspiels auf. Nicht scharf genug kann hier der Protest gegen eine Entweihung dessen sein, was uns als das Heiligste gilt. „Hinter Mauern“ nennt der Verfasser das Stück, uzd dies Titelwort ist noch das Wertvollste am Ganzen, weil es einen eigenen Klang hat und für die alte Formel „im Ghetto“ ein neues Wort gibt. Nur daß wir bei ihm mit dem Worte so gar keinen rechten Sinn verbinden, nicht einsehen können, inwiefern die Gestalten dieses Schauspiels „Hinter Mauern“ weilen, Wodor in ihrem Handeln noch in ihrem Denken und Fühlen heben sie sich von ihrer Umgebung ab. Nicht die Rasse noch das Glaubensbekenntnis scheiden die beiden Gruppen,