Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 54 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292932--00063-2293292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
54 Kritische Rundschau. Stellung so gut wie nichts übrig lassen. Es ist eben unmöglich, daß ein solch Riesenunternehmen, wie die Lebensarbeit Grätz’ frei von Fehlern hat bleiben können. Hinzukommt, daß Grätz Auffassung der tannaitischen Epoche auf dogmatischen Voraussetzungen beruht, die z. T. mit den talmudischcn Berichten in krassem Widerspruch stehen, also völlig in der Luft schweben. Wir haben doch wohl das gleiche Recht, auf Grund der Tradition die historischen Ereignisse zu begreifen und zu erfassen, wie irgendein anderer, von anderen Gesichtspunkten aus den Pragmatismus unserer Geschichte darzustellen. Wie weit nun der Talmud als Geschichtsquelle in Betracht kommt, braucht hier nicht dargelegt zu werden. Ilm schlechthin zu diskreditieren, ist unsinnig, denn man entzieht damit der gesamten jüdischen Geschichte den Boden. Daß historische Angaben der talmudischcn Schriften ohno kritische Sonde hingenommen werden sollten, hat niemand behauptet; nur muß ihnen von jeder objektiven Forschung mindestens der gleiche Kredit eingeräumt werden, wie dem Josophus, Philo u. a. m. Wenn z. B. im Herodot oder Plinius Wundcrcrzählungen Vorkommen, die man nicht anerkennen will, so folgt daraus lange nicht, daß sie als Geschichtsquelle keine Bedeutung haben. Es gibt aber sehr einsichtige Historiker und Naturwissenschaftler, die selbst solche Berichte nicht leichthin beiseite schieben. Daß die Kampfesweise des Verfassers nicht als gerecht zu bezeichnen ist, dafür erbringen wir folgenden Beweis. Er schreibt im Anschluß an die Kritik der Geschichtsforschung Halevys: „Daß an hunderten von Stellen im Talmud historische Ungeheuerlichkeiten erzählt sind, wie daß Cyrus, Darius und Artaxerxes drei verschiedene Namen für dieselbe Person seien (Rosch Haschanali 3 b), daß Alexander der Großo die Judengemeinde von Alexandrien vernichtet habe, (Sukkah, 51 b), daß Antoninus Pius einen geheimen Gang von seinem Hause — offenbar dem Kapitol — nach dem Hause Jehudah Hanassis in Tiberias angelegt hatte und ihn täglich besuchte (Abodah Zarah, 10 b), alles das geniert die starkgläubigen Geister nicht.14