Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die drei Säulen. 59 Der Staub der Straße muß einmal doch abgcsehuttelt, der Schweiß des Broterwerbs einmal getrocknet, der gehetzte Geist einmal ausgespannt, die verzehrende Arbeitsjagd nach irdischem Gut einmal eingestellt werden. Sind doch heutzutage alle sittlich-idealen Werte gegenüber den materiell-realen entwertet und alles stille Glück ist aus allen Kreisen entflohen in der Hetzjagd nach dem Glücke. Und gerade der Umstand, daß, trotz der ausdrücklichen Gestattung der Umgangssprache, die Gebete in unserer heiligen Sprache verrichtet werden, ist ein unfehlbares Hilfsmittel zu Sammlung und Andacht. Das begreifen selbst die eifrigsten Kämpfer für landessprachlichen Gottesdienst. Die Sprache der Thorah, Propheten und Psalmen muß bleiben. Sic verdrängen, weil sie in vielen Kreisen nicht mehr gelernt wird, ist nicht mehr Reform, ist Selbstmord. Da erfüllte sich die Logik jenes Paradoxons, das die Gestirne und Naturgebildc zerstören hieße, weil sie abgöttisch verehrt werden. Hebräisch ist heilige Sprache, weil in ihr die heiligsten Wahrheiten der Menschheit verkündet wurden. Das Judentum, das seine klassische Gebetsprache nicht mehr lernen und verstehen will, stößt sich den Dolch ins Herz. Das fremde Gewand will sich an die jüdische Volksseele nicht schmiegen. Womit wir unserer modernen Predigt durchaus den Wert nicht abspreehen. Sie nimmt im Gottesdienst unserer strenggläubigen Gemeinden eine ihr gebührende Ehronstello ein. Ihr Ursprung ist alt genug; sie geht bis ins Prophetonzoitalter zurück und noch weiter; ist vielfach an die Stolle der alten, nicht mit dem eigentlichen Gemeindegottesdienst zusammenhängenden Dcraschah getreten, die lediglich ein „Lernen“ in gebundener Form war. Das besagt ihr Name. Die Auslegung des Gotteswortes geschah schon in klassischhistorischer Zeit in aramäischer Volkssprache. Unser Welt-Schibboleth ist und bleibt die heilige Sprache in Thorah und Abodah. Das Einzel- und Gemeindegebet behauptet seine Stelle in Privatandacbt und Ritus. Diese Riten sind nach Lam und Ort verschieden genug und vertragen in unwesentlichen Teilen Umformung und Wandel. Was hat sich