Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292931--00034-2293262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
30 Von jüdischer Theologie. eine aus logischen Schlußfolgerungen gelehrter Männer gewonnene Gedankenkonstruktion, sondern eine aus dem göttlichen Willen hervorgegangene lebendige Volksreligion ist, die vor allen Argumenten, mit denen eine wissenschaftliche Theologie sie zu begründen sucht, gelebt und tiefe Wirkungen hervorgerufen hat, so ist das entscheidende Kriterium für die Berechtigung theologischer Theorien des Judentums vor allem das eine, ob diese Theorien das Leben und die Kraft des Judentums zu fördern und zu sichern geeignet sind. Die Theologie des Judentums wird jüdisch sein, oder sie wird nicht sein. Sie hebt sich selber auf, wenn sie aus Motiven, die außerhalb des Judentums liegen, mögen dieselben auch Motive einer vermeintlichen Wissenschaftlichkeit sein, das Spezifische des Judentums, das sein Leben und die Dauer seiner Tage ist, zu verflüchtigen und wegzuargumentieren sucht. Es geht nicht an, das geschichtliche Judentum sich dadurch gefügig zu machen, daß man die Tatsachen den Theorien anpaßt, statt die Theorien den Tatsachen anzupassen. Es geht nicht an, das Judentum mit dem Zeitgeist dadurch zu versöhnen, daß man dem Zeitgeist alles und dem Judentum nichts konzediert. Was durch eine solche Methode gewonnen wird, das ist nicht eine Theologie des Judentums, sondern eine Theologie des Zeitgeistes. Was ist da aber überhaupt gewonnen? Die Theologie des Judentums kann die Gedanken und Triebkräfte der Zeit nicht aus der Welt schaffen, in der sie lebt? Nun, die Gedanken und Triebkräfte des Judentums negieren, dem sie zu dienen hat, das kann sie noch viel weniger. Es mag schwer für sie sein, gegen die Forderungen der Gegenwart anzukämpfen. Aber daß sie gegen die Lebensmöglichkeiten einer Zukunft des Judentums ankämpfen sollte, das wäre etwas Unmögliches und etwas Unverantwortliches. Die Theologie kann ihrer Natur nach nur eine posteriori sehe Wissenschaft sein, d. h. eine Wissenschaft, die an die Wirklichkeiten und Erfahrungen des religiösen Lebens anknüpft. Die Rechtfertigung ihrer Theorien beruht nicht sowohl auf den logischen Konsequenzen ihrer Beweisgründe als vielmehr auf