Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 24 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2292929-2292930-2292931--00028-2293256
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24 Bevölkerungs- und Wirtscbaftsfragen. Erklärung für das immer stärker werdende Eindringen der jüdischen Mädchen und Frauen in das Getriebe des Wirtschaftslebens durchschlagend zu sein scheint. Ich meine die Konzession, die man in unseren sonst so strengen und jedem Kompromiss auf religiösem Gebiete abgeneigten Kreisen dem wirtschaftlichen Zeitgeist macht. Man spricht so viel in Versammlungen und auf Kanzeln von dem religiösen Zeitgeist, man ist stolz darauf, zu erklären, daß die Thora, das überlieferte Judentum keinen Wandlungen sich unterwerfe, daß es erhaben ist über Raum und Zeit, daß nicht der Zeitgeist uns, sondern wir den Zeitgeist beherrschen sollen. Wir hören aber nirgends, daß dies auch für den wirschattlichen Zeitgeist zu gelten habe und dies in viel stärkerem Masse, da wirtschaftliche Fragen die ganze Lebensweise auch nach der religiösen Richtung hin tief beeinflussen. Wenn wir uns fragen, woher kommt es, daß so viele jüdische Mädchen auch in den Kreisen des gesetzestreuen Judentums unversorgt bleiben und den Wirtschaftskampf aufzunehmen gezwungen sind, der sie in scharfen Konflikt mit dem Religionsgesetz bringen muß, woher kommt es, daß der Gedanke, nur so viel Kinder in die Welt zu setzen, als die augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnisse es gestatten, auch in unsere Kreise eindringt, so muß die Antwort lauten, weil man in wirtschaftlicher Hinsicht sich vollkommen assimiliert. Und nicht eher wird hier eine Besserung eintreten, als bis sich die Überzeugung durchgerungen hat, daß es nicht genügt, religiös zu leben, indem man sich streng an die überlieferten Satzungen hält, sondern daß hinzukommen muß der feste Wille, die Ansprüche an das Leben niedriger zu schrauben und mit dem wirschaftlichen Zeitgeist ebenso ernst wrie mit dem religiösen den Kampf aufzunehmen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.