Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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22 Bevölkerungs- und Wirtschaftsfragen. Großstadt zu verbringen, welche die Entvölkerung des Landes und das Anwachsen der Großgemeinden herbeiföhren. Auch hier in sehr vielen Fällen der Anstoß von außen, dem gegenüber ein Widerstand nahezu ausgeschlossen ist. Allerdings in vielen Fällen auch der freie Wille, aus den kleinen Verhältnissen der ländlichen Orte herauszukommen und teilzunehmen an den Annehmlichkeiten des Großstadtlebens. Die Folge dieser ununterbrochenen Verschiebungen im Standort der jüdischen Bevölkerung, die auch jetzt noch, wenn auch in etwas geminderter Stärke andauern, war das Versiegen des Bevölkerungszuwachses in den östlichen Provinzen und in allen den ländlichen Gebieten, aus denen der Abstrom erfolgte. Auf dem Lande mangelt es an ehe schließ enden Personen, die Eheziffer sinkt, an Stelle des starken Geburtenüberschusses ist in einzelnen Provinzen, so in Posen, bereits ein Uberschuß der Sterbefälle über die Geburten getreten. In den Städten wiederum geht die Vermehrung aus vielen Gründen, die im Wesen der großstädtischen Verhältnisse liegen, nur schwach vor sich. Die Schwierigkeiten der Existenzgründung, die längere Dauer der Berufsvorbereitung haben eine Erhöhung des Heiratsalters zur Folge; der wirtschaftliche Kampf erschwert schon dem Alleinstehenden das Vorwärtskommen und läßt den Wunsch nach einer zahlreichen Familie nicht auf kommen. Auch hier wieder ein Moment, das den gesetzestreuen Juden zum Nachdenken stimmen muß. Ein großer Teil der Zuwandernden hat in der Provinz noch fest am Alten gehangen, ist in einem Milieu aufgewachsen, wo jüdische Einfachheit in der Lebensweise und religiöse Pflichterfüllung die Grundlage des Lebens bildeten, und hat in der Großstadt beides verloren und ist ein Opfer des Assimilationsprozesses geworden, der jeden von uns bald mehr bald weniger stark ergreift. Es erhebt sich die Frage, ob in einer so ernsten Zeit wie der jetzigen nicht für den gesetzestreuen Juden in der Provinz die Pflicht erwächst, an seinem Orte auszuhalten, sich und seine Nachkommen der Gemeinde und dem überlieferten Judentum zu erhalten, auch wenn er Opfer wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder persönlicher Art