Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Ästhetische Gesichtspunkte im Reiigionsges9tz. die Anerkennung der Gotte seinh eit. und wo es die Sicherung dieses Palladiums gilt, muß jede Rücksicht auf die Ästhetik zurücktreten. Daß aber das Judentum im allgemeinen nicht etwa mit Verachtung oder Gleichgültigkeit auf die Welt des Schönen herabblickt, das zeigt nicht nur die Betrachtung seiner Geschichte, es offenbart sich auch in dem Religionsgesetz. Die künstlerische Ausgestaltung der Stiftshütte unmittelbar nach dem Auszug aus Ägypten, die Naturbetrachtung in den Psalmen und bei den Propheten, das alles zeugt von ästhetischem Verständnis. Am Anfang des Gesetzes aber steht der Seherspruch: יפת אלדים ליפת וישכון באהלי שם. dem die Weisen die Auslegung geben; יפיפיתו של יפת יהא באהלי שם (Megilla 9b) ״Die Schönheit Japhets wohne in den Zelten Sems“. Auf Grund dieses Ausspruches hat man der griechischen Sprache, der schönsten unter den Sprachen Japhets, einen Vorrang auch in heiligen Dingen ein־ geräumt, und man hat, entsprechend der darin liegenden Tendenz, auch sonst der Formenschönheit überall Eingang gewährt, wo sie nicht mit religiös-sittlichen Prinzipien kollidierte. Wie hätte es auch anders sein können? Der Psalmist sagt von Gott selbst: הוד והדר לפניו, Hoheit und Schönheit sind vor ihm“ (Psalm 96,9), er erkennt also in der Schönheit etwas tief im Wesen der Gottheit Wurzelndes, das sich ebenso in der Harmonie des Weltalls offenbart, wie in dem ästhetischen Sinn, der in das Gemüt des Menschen, des göttlichen Ebenbildes, gesenkt ist. Die Verkümmerung dieser göttlichen Gabe kann also ebensowenig im Sinne des Judentums sein wie die Unterdrückung der Freude am Dasein. In anderen Kreisen hat man diese beiden Momente als sündhaft gekennzeichnet; wenn sie im Judentum sich wenig entwickeln konnten, so lag es an den trüben, düsteren Verhältnissen, die in den meisten Epochen der jüdischen Geschichte dem ästhetischen Streben wie der Lebensfreude wenig günstig waren. Daß der ästhetische Sinn trotzdem auch in den traurigsten Perioden nicht ganz erstarb, das verdankten die Juden der Thora, die zu allen Zeiten ihr höchstes Heiligtum war und die auch der Ästhetik überall Raum gewährt.