Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeschurun. 6 methodisch ihren Willen zu erziehen. Denn das ist auch eine schöne Lüge der Modernen, das Moralische verstünde sich von selbst. Nein, steil und steinig ist oft der Weg, und es bedarf der Führer, daß sie uns den rechten zeigen. Wie in der alten Zeit, so sollten auch heute die vielen mannigfachen Werke, die uns lehren, wie wir Gott und den Menschen dienen, unsere Lektüre sein. Sie sind nicht immer kurzweilig, aber das war die Pflichtenlehre niemals. Und auch hier dürfte es unschwer gelingen, das Alte in neue, gefällige Formen zu kleiden. Und endlich unser Gefühl ist erkaltet. Das gilt vor allem von dem Teil der Judenheit, dem die westeuropäische Kultur, die wohltemperierte Äußerung der Gefühle anerzogen. Wenn nur nicht in Rückwirkung auch die innere Wärme sich verflüchtigt hätte! Aber wie schon Jirmija seinen kühlen Zeitgenossen zurief: Gottes Wort ist wie Feuer. Und „das Feuer des Gesetzes“, von dem Mosche sprach, ist keine leere Metapher. Wir dienen nicht mehr Gott mit jener himmelhoch auf jauchzenden Freude und wir weinen nicht im Gotteshause, wenn wir den Allerbarmer bitten „unsere Tränen in Seinen Schlauch zu füllen Gewiß! es gibt auch eine stille verhaltene religiöse Glut. Aber wer wollte leugnen, daß unsere Ruhe ein Anzeichen für die Nüchternheit und Kälte des religiösen Lebens im allgemeinen ist. Denn wir können uns sonst leidenschaftlich erregen für unsere eigenen Interessen, für politische Fragen, für künstlerische Probleme. In unserer religiösen Literatur sprudelt die Quelle, von deren Wasser wir trinken müssen, um zu genesen. Die biblischen Gestalten zu beseelen, unserem Leben einzugliedern, die Helden und Weisen, die Dichter und Sänger unserer Vergangenheit in ihrem Wirken zu belauschen, uns einzufühlen in jene Welt heiliger Empfindungen, welche Jahrtausende hindurch die besten Geister unseres Volkes erhoben und beglückt, die Gott geliebt mit ihrem ganzen Herzen, das ist das rechte Mittel, um die noch glimmende Kohle zu entfachen, daß die Flammen der Begeisterung für Gott und Seine Lehre in alter Stärke wieder emporschlägt. Doch nur wenn die drei genannten Wege in einen Hauptweg münden, dann ist das Ziel mit unfehlbarer Sicherheit zu