Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 52 (24.12.1935)
- Date
- 1935-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 82% known words query
- IRI
…/2277379-2278097-2278136--09875-2292913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
iceue »»R&sreiN* m HRNWVeR Sr^V OSHRBRwtK KR LI N Nr. 52 .-V.-Zeitung * 1. Beiblatt 24. Dezember 1935 iNNCRUNGSRCKHe FUHRT. Das Land zwischen Rhein und Elbe ist'reich fett Erinnerungen und lebendigen Zeugnissen jüdischer Vergangenheit. Nicht nur, weil jüdisch Niederlassungen und Gemeinden in Westfalen und Hannover 6isin den Anfang des 13. und 14. Jahrhunderts zurückgehen, sondern weil die jüdischen Wünschen dieser Gegend — in kleinen und kleinsten' Gemeinden vereinigt — geistige Ausgc- * schlofsenheit, notwendig gewordene Anpassung an die Forderungen wechselnder Zeiten stärker als vielleicht irgendwo mit einem seltenen Sinn für Wert und Wirkung^bendiger jüdischer Tradition vereinen, und auschiesem mit Stolz gepflegten Bewußtsein für die Vergangenheit die verpflichtende und freudig anerkannte Sorge für Wahrung und Erhaltung alles dessen fühlen, „was an der Väter Zeiten gemahnt'. Auf Schritt und Tritt begegnet man daher in Gemeinde- oder Privatbesitz — fast stets mit liebevoller, ja zärtlicher Sorge betreut — Zeugnissen allgcmeinj irdisch geschichtlicher oder familiengeschichtlicher Bedeutung, die dem interessierten Besucher aus seine Bitte mit selbstbewußter und verständlicher Freude gezeigt werden. Eindrücke und Erlebnisse solcher Art hatten lvir auf einer „Kultursahrt' durch die Gemeinden Hannovers und Westfalens, wie sie der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden seit einiger Zeit in die ihm angeschlossenen kleinen und kleinsten Gemeinden veranstaltet. Hier ist ein, wenn auch nur ein Weg. lim jüdischen Menschen. die abseits von den kulturellen Möglichkeiten der Zeit leben, wie sic die Groß- und Mittelstadt bietet, das immer wieder dankbar empfundene Bewußtsein von der seelischen Kraft, die im Inhalt des . Begriffes „Kehilla' liegt, zu . stärken, um sie, wie Rostands ..Cyrano' seine müden Gascoglier in schwerster Zeit, durch Gedanken „abseits von der Schwere des Tages hinauszusühren über sich selbst', um in kleinen, oft Jahrhunderte alten Synagogen, wo gesammelter und eindringlicher sich das Wort formt zind stärker ans Herz greift, zu jüdischen Menschen von „Schicksal und Sendung' zu sprechen. Tann, nach Ansprache und künstlerisch wertvollen Tar» bietungcn im Rahmen einer ernst bewegten freier sitzen wir mit rasch gewonnenen Freunden. Männern und Frauen, Jugend und Alter zusammen, hören von ihren Wünschen und Sorgen, ihren Plänen und Erwartungen, sprechen mit ihnen und zu ihnen von der Gegenwart, von der Zukunft — und nicht zuletzt von der Vergangenheit! So ergibt sich, aus geistiger und seelischer Not- Wendigkeit geboren., aus innerstem Trang des Herzens, ein beglückender Austail'ch von Geben und Empfangen, und nachts, allein mit sich selbst, fragt man sich zweifelnd, im? wertvoller sei- Das Gcbenlonncn oder das Elnpstiiigendürfen. Von Celle im Hannöverfchen über Lsnabrück bis an den Niederrhein in die -stleingemcinden unweit der holländiscklen Grenze geht untere »Fahrt, die uns durch die Besichtigung aller Friedhöfe und Synagogen, durch die Erzäl>lungen alter j^emeindemitglieder. durch Betrachten und Lesen alter Bücher ,uud Tpkumcute zur ..eriunc-- ruugsreichen »Fahrt' ivird. Freund ll-R.. denen mächtiger Baritdn abends das Gotteshaus erfüllt, hat fast ununterbrochen tagsüber Bleistiil und Kohle zur Hand, um hier verwitterte Grw'- steine; da ein besonders eigenartiges Srück des Gotteshauses, dort wieder die chiraltcri'li'ciicii Züge eines Mannes oder einer Frait festzuhallen. So tierbinden sich Bilder lind Zeugen einer lebendigen Vergangenheit mit den gebieterischen ,Forderungen einer harten Gegenwart zu einer Einheit. die krastspendend wird für Ausgaben der Ztlkuil't — Spiegelbild ewigen jüdiscl)en Schickidls! „ - Fi, Celle felieii wir den alten Friedhof. dessen malerische Wirkung'durch seine eigenartige Läge aui einem baumbestandenen Hügel noch erhöht wird. Bis H).V5 reichen die Eintragungen in das Graberverzeichuis der Gemeinde der „Burgvogtey Celle'. aber ivenn ivir den Vermiitiiiigen - rvn ivineiifchrstlicher Seite folgen, dürfen, betindet sich unter den letzt noch sichtbaren Hügeln eine zwene Schicht von Grabstellen. so daß auch hier ans ein viel hundertjähriges Bestehen einer jiidischen Genicinde geichlossen ivcrdcn kanii. — Tags daraus besuche» ivir in Vlotlio, dein herrlich gelegencn Städtchen an der Weser, den —r^r-^Xahrc alten Borsteher Sauiivii Hehiicniaiin, der feit fair fünfzig Fahren im Ehrendienst der Gemeinde steht, und dessen Vater schon in der Leitiing der Geineinde tätig >var: Volt Stolz zeigt uns der lebenssrohe alte Herr die ivertvollen allen Pavicre der Gemeinde und ans feinem eigenen Besitz, so den FndelNchntzhrief feines Urgroßvaters ans dein Fahre IT7t>. ansgeftetlt vom Gra'en v. Tecklenburg, und in feine» »ie rr- Schlot* Burgtteinfurt müdenden Erzählnngeii ani Grund ei geiler Erlebnisse oder änf Grund aller Ueberliesernngen zieht an unseren geistige» Aiigen ein <-luck jiidisckien Erlebens in TciNickiland vorüber. Ais nur gehen, wolle», holt Herr Heyneinaun ans ieiner timfangreiclx'u Bücherei noch eine herlliilie Eoliasct)e Aiisgal>e von -Goethes. ..Fau'l"mrt pragltvollcn Knpferftickic'i' änsdeni Fahre ».-> < .hervor.. : ,lnd begrünt iinvergeuliches E ilelnii-,'' in dielcr. ... Zeit! — Teile ans dem ..Prolog im Himmel' und aus deü '..Szenen in A'nc-ibaaiücller' aus' - .dem Kopf- Zil deklaiuieren. ba,ci,elud. gcüelit - ln>s der'alte Herr, daß /Goethes.-. ,-F.auit',.--zeitlebens.. für ihn neben den Schatze» hebraiuh. indischer ^geishcit Leseiind Lebenslnich ge.ioeien sei. Beim - Abschied, als ivir ihin danken ivo.Ile». dankt e r „ns dafür, daß er noch.einmal ioieder habe jnug sein dürfen in der Vergangenheit lind durch die Erinnerung! Rheine in Westfalen' Alillen im Gespräch mit dem jungen R. fallt »lern Blick aus den au der gegenüberliegenden Wand Hangenden, Stammbaum der Familie. Erilaluit sehe ic>>. daß die Ahnentaiel in nniinterl'rocheuer Geschlecliierfolge bis .ans den in der Mille des 1 *'«. Fal>r- Hunderts in Prag lebeiide» s.'lbral>a»> Bafrli znrückgrht. dessen zioeiter Sol,» Farob. der -voikammerjndc Rudolfs II.. am >K Fainiar U>--' von Kaiser F-erdinand II. als ..Baiievi von Treu-' enberg' in den erblickien Adelsstand erhoben wlirde. Ter Kaiser stattete il,m damit feine» Tank ab für die Unterstützung hei der Bereitstellung der finanziellen Mittel, die er für ..de» großen Krieg' brnuclste. Fm Wiener Hoskanimerarchiv ruht noch heute der 'ckdelsbrief. der die Anerkennung fiir die Veislniigen Faeob Bajfevis enthält. und in dem ii»n iind seinen 'Aacliialireii iiicht nur alle Freiheiten und ansiecordenllichen Privilegien geivalirt werden - „aller nndt jeglicher oben bemalter Begnadung. Freiiheilen und Fürsehungen >,sw.'' -- sonder» in dem il>m aiicli das Adelsivappen -- der sei,wärze Seljiid mit den roten Sternen - - verlieiien io,rd. Bassevis Endo war nicht gtiicklich. F» den Atstirren des Krieges verlor er sein sehr großes Ust'rmögeu. nulßte von Prag »ael> Fnngbiinzlaii siielien, ivo rr Xlg-l starb-nnd beerdigt wurde. Seine 'stackikoinuien lebeii -noch lienie. te>ls in Tenlscl>land. teils im Ausländeunter den Name» Tleiulieim. Goldiinit. Falkeiislkiii.-Porta, und Voioenste.ni. Endete hier ein jäher VI hitnr s ein pha n - tailisch anniillendes Schicksal.. so iioren loir tags darauf von einem wal,rl>ast gigaiilisclieii i'lnfstieg ans der Enge lleinl>ürgerlul>en Vebens z>> fast einmaliger -w>rlichaiNici,er tstroße. Vor. Fahre» wanderie aus B ü i, d e . der durch seine Zigarrensahriken hekanuteii ivestialisclicii Stadt, ein junger iniltelloier Piaiin naä» Amerikn aus. der nichts l,alte, als ieineu 'A.stllen. vorwärts zu. koiiimen. seine» »'ilciR und seine Tii>l>tigkeit: Sanniel Rvsenwald. Fn Springsield l FIliiiois». wo er sich uiederiieß. braclile er es >u einem ge- linnen zitzolilstand. Sem Tolm, Fnlins :>>'osenioald, der. ivie der Vater, in kleine» hesclieidenen 'Kerhältniisen ansing. wurde ivater der Präsident der Firma ..Eo;,r>. |{or-1 »u*-k;iml des grostlen Veriandliaisses der 'tbelt. und damil »ul>l nur einer der eriolgreiclinen- Kaiiiiente nl>erliaupt. sondern auch »eben Earnegie und.Rockescllrr der Rachel Eine biographische Erzählung Von Martin Gumpert 1. Fortsetzung. Alle Rechte Vorbehalten Da erschien der feiste Vöron vor ihr mit seiner unfehlbaren Witterung für den Wert Ulrd fürdie Not und für den richtigen Augenblick. asic gab dem Teufel die -Hand. Als sie am, Sonnabend, dem 18. August, am srüheit Abend vor feiner Tür stand, drangen Licht und Musik aus allen Pyreu des Hauses aus die dunkelnde Straße. Ein Diener öffnete.und sie folgte seiner Kerze, stlcau hörte ein lachendes Durcheinander von Stimmen, ihr Fuß ging wie auf Moos. Spiegel leuchteten auf. Uhren , tickten feierlich. Bilder begegneten ihr. Sic ließ sich willig und mit ein wenig Behagen , durch dieses Dschungel des Reichtums führen. Dann geriet sie vor die Tafel, an der Baron mit seinen Freunden saß. Dazu gab es noch einen ganzen Hausen junger Tänzerinnen von der Lper.' man konnte 'nicht unterscheiden, wie viele es waren, denn sie sahen alle aus wie Schwestern und flatterten, und schwatzten dtirchcinander wie eine Bogelkolonic. Ein Dunst von Tabakrauch und Speiscndust schwamm um die Kerzen und warf Schleier von Licht und Schatten über die vom Wein gelösten Hcstchtcr. Rachel spürte deutlich: hier war ein Gemisch von Himmel und Hölle. Sie erschien der Versammlung aus dem Dunkel der Tür wie eine finstere »Fce. Sie stand angelehnt, ihr schwarzes Haar war in der Mitte gescheitelt und sah glänzend und glatt wie ein Helm. Ihre großen wilden Augen sahen unhoimlich klar und unheimlich verträumt über alle hinweg. Ihr armseliges und ungeschicktes Nonnengesicht wirkte in diesem Prunk wie eine Berkleiduug. Alle waren etwas betroffeu und vorstörl. Böron. dessen Gesicht vom Wein die letzten Konturen verlorenhatte, erhob sich uiid führte sie an seinen Platz. Sie hielt ein Glas in der Hand. Was ne trank, schmeckte uuglaublich gut. Ihre Angst war fort. Es-gab hier viel Heiterkeit und Wärme. Der dicke Böron sah unschuldig imd drollig aus'ivic ein riesiger Sängliiig. Sein Atem lat ihr, gar nicht lveh. Und ihr gegciiüber saß jeruaud. der hatte ein zeitloses, tu sich gekehrtes Gesicht wie. ein Engel, er kouiite zivaiizig oder fünfzig Jahre, alt iein. Ein ..Antlitz hat er. dachte sie. Sie beugte sich vor nud betrackitete ihn nachdenklich und eiudrirtglicli. Der. Herr schien hier nicht herzugehören uiid istr gar keine Beachtung zu schenfeu. Es war Astolpste de Eustine. der Enkel eines ststeiieruls. der 1793 guillotiniert wurde. ciu Blanu mit dem Ruf eitles Sonderlings., Im allgemeinen ersctiicn. er stumpf , und frei von nachweisbaren Einpündungen. Aber mitunter beging er plötzliche -Halidlnngen von tiiwernultetcr Lcidenschast und Vinlniheir. io daß ihn seine Umgebung.tvie cincii .Urmifcn behandelte. Ein Gerücht wollte-win'cn-. daß ihm als,.Kind in der Gallerie Prtti ein berühmtes Geinälde auf den Kopi geiallen ici., und daß dieser Zwiicheniall die Schuld an den Schivankiingen seines Charakters trage. Büron griff nach stiacheis -Haiid. Sie machte schnell eine »Faust und die »Farist ver-- schwand in seiner Tatze. Sie wand »ich ein wenig, um frei zu werben, aber er ließ ste nicht los. uiid so gab sie es ani. 'An BErons Hals hing eine der bunten Balkcttkatzen. die schon ganz hinüber war. 'stsachel bestlh ’teij dieses unbeschwerte, bergnügte. junge Tier lind es regte sich Neid. Ihre Knöchel waren wundgescheüert vom groben Schnhzeug. Ihr Herz schlug fühlbar gegen die stiippcn. Sie wußte, ne würde heute zum letzten Male in der 'unbezwingbaren Eiswüste der Eome-bie spielen und plötzlich wankte der Raum, die Spiegel begannen zu lrciscn. die Masken die'er 'fremden ''Nenicheii zu grinsen, in dieser 'ckstvankenden Galatnksche begann il)ve Reise in die vertrante -Heirnat des Elends. Das lstlas in der'Hand'zerbrach. Bäron hielt es inr einen Akt frölsticlier.Laune. Als er sie aiinvrderte zu fingen, befolgte, Rachel den Besthl. Sie erlivb sich, dei, Stnnipfdes Glases li-clt iie krainpiliatt ivie einest Dolch in der Faust, und wie ein rauher, bestürzender 'A-indstoß fuhr i'hv'e Stimine. ,halt» siilgend. I'alb sprechend über die berauschte Runde Fch sehe-ne »ich plötzlich neigen, .in eine fremde, rienge .Stadt .. '-!vi!l il»re Hand bei. Weg mir zeigen. Und nur ein Wort durchbricht ihr Schweigcn: ..Paris!' Die Stimine zieht inich fort. Ais ili'e neniii taniend Kellen: - ..An' nml) Paris, iofoi't . .. denn dort Ji'.iv ivirst Du Deinen Bnter retten.' ns waren ein paar niinlofc-Börse der . -tab'crcn Dockner ans der -..Bcndöenne". 'Aus d-.iii . ,Fi'ai!iinciil,a„g des...Stückes gerissen.- das n'.eniarid niclir kannte, konnte kein 'Ai.n'ck, vcrstclieii. was sie bedeuten nivclsten. 'Ab-.u.rrrcmarid iaß da. der nicht von dic'cin Fra-.nncnt cnics iclilccht ernmdeneu tragiiclicn Se.nck'acs ivie durch cincn Doniierfchlag er- Pvr iinicii stand cktachel. ans dereii Haut ,. d.' Farbe-.erlo'clicn ivar. ans deren Augen inordcri'aie. iriiividerstelsticlie -KebefIiou luad), n::d die mit ihrem gewalttätigen Schmerz die -ioralo''e- Da'elrnnde in ein düsteres - SAAaa.r'cid ,verwandelte. . iAanicl 'ah Herrn noii Eustine ins Gcnc!,t. Es -ra: -dü■> c-nzig^''.stlcnicstengencht, an das - ßch. bi-r r. Halleu konnte. Alles andere, lvar - ,:n st-.cbel. :var nur eit, barocker Rahmen für d,-.'cs nIstcht. das uiibewegt ihren Blick er- Pürvir hatte kindische Angst vor Gemütsbcivcanngcii. ^die bei allen Haifischen, verbarg sich im äußersten Winkel feines Herzens die Seiitiinentalitaj eine-'' scl>lecliten Gelvissens. i>>«''rvn"berkrocl> s,cl, völlig Ijintcv seiner riesigen Krnivatle. »ein Kopf war schwer 'herabgesunken. >ind als er. scheu und behutsam die Augen . össnete. um das Drüminerseld zu registi iereii. das Alh-icliels Stiinme znrückgelajfen halte, sah er-mit Er- Rachel 1840 nach der Lithographie von Auguste Charpentier