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Central-Verein-Zeitung · 1935-11-28 · 48 (28.11.1935) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
48 (28.11.1935)
Date
1935-11-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Das Blatt der jüdischen Dran Nummer 48 Beiblatt der G.-V.-Zeitung 28. November 1935 Wie der Elefant im Porzellanladen -S so etwa wirkt.das Erscheinen eines männlichen Wesens im „Mutterschulkursus ". Im Kreise - der jungen werdenden Mütter fühlt.sich der junge Mann auch äußerst deplaciert, und angesichts der vielen herumliegenden merkwürdigen Requisiten, wie Milchflaschen, Windeln. Schnullern — Gegenständen also, mit denen ein erwachsener Mann nicht allzuviel aNstisangen weiß setzt er sich still und errötend auf das letzte freie Plätzchen — ein Kinderstühlchen, versteht sich! Etwa zwölf „neugierige Frauen"" hören aufmerksam und wißbegierig der referierenden Kinderärztin zu, die unermüdlich aus dem Born ihrer langjährigen Erfahrungen tausend Ratschläge gibt. &er arme- Säugling! Tie arme Mutter! Der Säugling muß, kann, darf — die Muter darf. kann, muß! Um das kleine Wesen so viel Wesen! Tie Milch darf nicht zu mager und' nicht zu fettsein. und die Flasche nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Ein Zehntel feines Körpergewichtes soll das zukünftige Baby (wie ist es bloß schon da!) täglich zu trinken bekommen. Wenn man diese Regel auch späterhin beibehielte, wo führe das hin!?! Bekleidet soll es rmtllrlich auch werden. Angefangen von der Windel bis zu den kleinen Lederstiefelchen. die dann bekanntlich später vom Opapa mit Gips ausgegossen und mit Goldbronze angepinselt-werden. Das kleine Bettchen wiederum fei ntdjt zu weich nud nicht zu hart und die Erziehung von der gleichen Art. Es ist rührend, zu betrachten, wie eifrig und besorgt die jungen Frauen sich die vielen. vielen Borschriften notieren — schon jetzt um das Wohlergehen ihres zukünftigen Kindes besorgt, schon jetzt sich wappnend für das große Ereignis. Doch blaß ist alle Theorie! Eine Säuglingsschwester erscheint, auf dem Arm .ein Baby! Ein Wunderbaby übrigens :— es schreit nicht, macht nicht naß. es schweigt und lächelt alle freundlich an. Leider ist es nur eine lebensgroße Puppe. mit der hier Kinder zwischen 20 und 30 Jahren spielen. Die Puppe wird gebadet, gewindelt, gewiegt und gewogen, aus- und wieder ungezogen. Die Säuglingsschwester zeigt alle Kniffe und Griffe und wie es falsch und richtig sei. Mir schwirrt der Kops, den jungen Frauen aber macht es Freude und Vergnügen, und nach den sechsmal zwei Stunden, die der Mutterschulüngskursus der Berliner Jüdischen Gemeinde dauert, sind sie ganz erfüllt von ihrer neuen Wissenschaft und können es kaum erwarten, ihre frisch erworbenen .Kenntnisse „an das Kind"' zu bringen. Eine Säuglingsschwester erscheint, — auf dem Arm ein Baby...* Das Kind ja nicht zu heiss baden!U . ja, wenn man et erst soweit hat... / Text und Aufnahmen Herbert'Ponnfnfrld ■ninmiiiiiiiiHiiiiniiiiiiimiiiiii! Ausgewickelt und wiedereingewickelt Umwege zu einem neuen Beruf Bemerkungen zu einer italienischen Reise Von Meta Samson Ein bekannter Ausspruch heißt, daß „süd-. lich von Rom Afrika ansängt"". Ich lernte ihn erst begreifen, als ich „Beziehungen halber" nach Süditalien fuhr. Jeder von euch weiß gewiß, was es mit solchen Beziehungen auf sich hat. Diejenigen, auf die man sich am lautesten beruft, verstummen zuerst, -und selbst die Beziehungen, die über zahlreiche Umwege und Erkundigungen zu dem Mann führen, „der bestimmt etwas tun kann", spülen keine Schätze an das Land. Am Ende .läuft es darauf hinaus, daß man nur selbst jeden Zoll neuen Boden für sich gewinnen muß. Nun aber war es einmal geschehen, daß mich eine solche erstklassige Beziehung nach Süditalien, verschlug, das Land, von dem wir einen Borrat an romantischen Vorstellungen aufgespeichert haben, die uns zu Hause über kälte und graue' Wintertage hinwegbringen sollen. und mit dessen Wirklichkeit wir nichts anzufangen wissen, sobald wir nicht mehr durch das Fenster eines Hotelzimmers auf sie herabblicken können. Ganz zuerst war es nur ein kleines Fischerdorf, das mich aufnahm, mit einer Unter- und einer Oberstadt, mit engen, allzu engen Straßen und 4000 Seelen. Paläste "stöhen neben armseligen Hütten. Reichtum . und Armut sind keine Handbreit voneinander entfernt und beginnen dennoch keinen Streit miteinander. Die Häuser, viele Stockwerk hoch, sind erdbebensicher an die Felsen . herangebaut mit Wohnungen^ die eng und dunkel und. Als ich hinkam. war die Hitze gerade schwor zu ertragen: aber selbst mit ihr hätte ich mich gewiß verständigt, wenn nicht gerade ein kleiner ..Privatvesuv" diese Hitze um zehn Grad erhöht hätte. Er hatte die Form eines. Brennofens für Keramik angenommen. der im Nebenhaus nach achtjährigem Stillstand neu erwachte, natürlich gerade rm Augenblick, Üls ich die Nebenwohnung bezog. Ich bemerkte, ihn zuerst an dem Wasserdampf, der aus einem Spalt in der Wand in meine Wohnung zog und mich genau so stark erhitzte, wie ich mich nach Abkühlung sehnte. Da ich meine Wohnung unter anderen Bedingungen gemietet hatte, mußte der „Privatvesuv" wieder gelöscht werden; aber seine Glut blieb noch einige Wochen in meinem Zimmer. Dieses kleine Erlebnis mit dem Feuer war kaum überwunden, als es mit dem Wasser zu hapern begann, das Wasser, das ich mir zum Waschen und Säuhern aus dem nahegelegenen Brunnen holte, und dessen Rohr platzte im Augenblick, als ein Auto mit zu viel Selbstherrlichkeit über die Landstraße holperte und die umliegende Gegend in Erschütterung versetzte. Bis mein Brünnlein wieder floß, vergingen acht Tage und mehr, und in dieser Zeit wurde mir für den Tagesverbrauch das Wasier in Tonnen herangebracht — wohlgemerkt —, das Wasser zum Waschen und Säubern. Das Trinkwasser konnte uns das Brünnlein ohnehin nicht bescheren; es kam in Tonkrügen aus dem Torf, und es wurde jedes Tröpfchen Wasser mit größtem Respekt behandelt. .Auch diese Episode ging vorüber; hat doch jeder neue Lebensabschnitt seine Kinderkrankheiten. die wir erst einmal durchmachen müssen, -um kräftiger auf den Beinen zu stehen als vorher. Nun — so dachte ich —, könnte ich mir ein wenig Erholung gönnen, um mich auf das Kommende vorzubereiten. Ein kleines Fischerdorf scheint dazu angetan, so klein und verlassen, wie es.sich ausnimmt, Zeit zu wichtigen Entschlüssen zu geben. Ich liebe die Ruhe und die Einsamkeit ohnehin, und wenn auch mein Plan, der mich hierher verschlagen hatte, durchkreuzt worden war. so schien dieser Platz doch dasür geeignet, sich mit neuen Ideen zu beschäftigen^ Aber auch ein kleines Fischerdorf ohne allen Großstadtkomfort.-ohne Gas. ohne Wasser, und mit einem Holzkohlenfeuer, auf dem man seine Mahlzeiten bereitet — einem Feuer, das gefächelt werde muß. damit es nicht ausgeht —, selbst ein solches Fischerdorf hat es tit sich! Ta sind zuerst einmal die Italiener selbst. die immer zo taut revem-als ob gerade ein Streit ausgebrochen und die Schlägerei nicht weit entkernt wäre;- aber in Wirklichkeit sprechen sie nur ein wenig vom Wetter. Besonders, am Abend werdet! sie lebendig, am Abend, wenn sie' mit ihren halb Dutzend Kindern unter meinem Fenster zu promenieren beginnen. und ihr Schreien. Lachen und das Weinen der Kinder mein Zimmer füllt. Kaum bin ich eingeschlafen, dann kommen die Fischernach Haus, und damit auch die Zwischenzeit ausgefüllt ist, haben sich die Katzen unter meinem Fenster ein Rendezvous gegeben: ihre Liebeshändel erscheinen mir um einige Grade südlicher als bei uns. Die Nacht hat mir also wenig Zeit gelassen, weder zum Schlafen noch zum Nachdenken; aber der Tag ist noch weniger dazu geeignet. Da kommt zuerst einmal der Briefträger, und wenn keine Portierfrau da ist, die die Post verteilt, so lassen die Frauen ihre Körbchen am Bindfaden hinunter, um sie heraufzuzieheu. Diese einleuchtende Art technischer Nvthilfe begegnete mir in Salerno, der nächsten Station für meine Vorbereitungen, wieder, wo die Gemüsehändler mit ihren Karren ihre Waren mit lautem Rufen feil boten, die sich die Frauen in Körben hochwanden, wobei laute und heftige Verhandlungen vom obersten Stockwerk zur Straße hinunter nicht ausbleiben konnten. Der Italiener richtet sich eben nicht nach Grundsätzen, sondern nach dein, was der Augenblick ihm eingibt. Seine genügsame Natur sichert ihm die Unbekümmertheit. um die ihn jeder ^Norddeutsche beneiden wird. Er hat keine Furcht vor Hitze und keine vor Kälte. Ihm spendet im Winter ein magerer, kleiner Petrolaumofen etwas Wärme. Er ist zufrieden mit seiner dunklen Stube, die durch den Stemfstßboden, der llir*. geziefer und allzu große mm fernhalten soll, niemals behaglich werdenzFann. Er ist zufrieden mit feinen Trauben für 5 Pfennig das Pfund, mit seinen Tomaten und seinen Makkaroni. Er ist zufrieden mit jedem Tag; ob er ein Sonntag oder ein Montag ist. es kommt ihm nicht darauf an. Auch am Sonntag fährt er getrost feine Kohlen durch das Torf: auch -am Montag nimmt er sich Zeit für seine langwierigen Unterhaltungen. Gewiß, die kleine Stadt Salerno, in die ich später zog. war ein wenig weniger armselig. ein wenig weniger genügsam. Hier gab es bereits eine Hauptstraße, allerdings eine, die für Menschen keinen Platz hatte, wenn ein Auto hindurchfahr-n wollte. Wenigstens aber befaß sie ein Geschäft! Es hieß Ämendola. und bei Ämendola gab es alles. Tee, Petroleum- und Seife, und auch die Fliegen, die auf allen Nahrungsmitteln Herumsitzen, ohne sich jo stören zu lassen! Ämendola bot das Höchstmaß zur Befriedigung von Bedürfnissen. die ohnehin seit meiner Abreise aus Norddeutschland erheblich abgemagert waren! Was an Vergnügungssucht noch übrigblieb, wenn man von Ämendola fortging, das versuchte man in dem kleinen Caf4 zu befriedigen. in dem man seinen Espresso zu trinken pflegte, diesen süßen, milchlosen Kaffee. Dazu nahm man sich ein Stück Kuchen, den sich die Herren im Vorbeigehen holen und verzehren. Man pflegte ihn auf Papier zu servieren: denn „Teller kriegt man. — Löffel gibt es nicht." —- das war Salerno! Trotzdem. -- Salerno ist eine schöne Stadt. Sie liegt zwischen den Bergen- und dein Meer. Es hat sogar ein Hotel, das alle Wünsche der Reisenden erfüllen kann, all der Reisenden, die Italien durch - das Fenster ihres Hotelzimmers kennenlernen und in das sie zurückkehren.- wenn sie auf ihren Spaziergängen romantische Eindrücke gesammelt haben. Das empfinden sie nicht nur bei dem ^blick der Natur, die sich ihnen verschwendMsch darbietet. sondern auch bei der Entdeckung der zahlreichen Wäsche, die ihnen die herrlichsten Ausblicke verbirgt; denn die Italienerin verschwendeteinen Teil ihres temperamentvollen Wesens bei dieser Beschäftigung, die mit erstaunlicher Geduld ausgeführt wird, ohne die Wäsche jemals so sauber zu bekommen. daß sie nicht so bald als möglich wieder ins Waschfaß müßte. Tie Wäsche, die an der Leine hängt, führt nach dieser Richtung eine beredte Sprache; aber der Fremde bemüht sich vergeblich, aus den mit Liebe ausgehängten Fetzen und Lappen das A B E der italienischen Kleidung zu entziffern. Der Aufenthalt in Bologna beendete diese Reise, sprengte-den Rahmen einer wachsenden Genügsamkeit. Hier erwachte ich wie aus einem hundertjährigen Schlafe und durch Sprachstunden erwuchs mir bald ein Kreis von Menschen, denen ein lebhafter geistiger Austausch am Herzen liegt. Mit diesen Stunden ist mir der Anschluß an Eristenz Und Regsamkeit wiedergegeben, und daß ich noch hier bin, beweist, daß ich mein Durchkommen gefunden habe. Bologna, diese Stadt aus Stein, bei der man selten etwas Grünes findet, verdient Liebe und Aufmerksamkeit. Ein paar Schritte nur. und immer von neuem entdeckt man Bologna: so reich ist es an architektonischen Wundern und Schönheiten. Bald ist es ein Säulengang, bald eine Kirche oder eine alte, kunstvolle Schmiedearbeit, die unser Staunen., unsere Bewunderung erregt. Natürlich ist fast jedes dritte Haus ein Palazzo, und auch ich wohne in einem solchen. Nicht gerade, daß man mein Zimmer gemütlich nennen würde! Dieses Wort, daß in Deutschland eine so bedeutsame-Rolle im häuslichen Leben spielt, ist in dieser Gegend unangebracht. Die Stühle sind steif und hochbeinig. Tie Zimmerdecke scheint bis zum Himmel zu reichen. Einen messet finde ich nicht. Die Treppe ist eng, und daß im Zimmer meines

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