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Central-Verein-Zeitung · 1935-11-14 · 46 (14.11.1935) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
46 (14.11.1935)
Date
1935-11-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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WtoTbcn&ern -Tif'i*micqcr»c;tc ..^c.vrm CFieinot»*. Als in 3\'utfd}(anb und bni westlichen bcrn das Hebräisihe auch alsKniistivracbe non den modernen sprachen völlig verdrängt .war. nahm es sv von Galizien ans einen neuen Aufschwung. * . ,Biertwürdig gering sind die Anstrengungen der galizischen Haskala die Gedanken der Aufklärung an die Älaisc in ihrer eigenen Sprache liLranpltragen, Rur Wendel Le w i n ans Sataiww l)at mit einer jiddischenBibel Übersetzung W v l st ft,.b a rze r durch seine satirischen nieder in diesem Sinne gclvirkt. ., Zn dieser Aufsprengung des biDcrigen geistigen Bestandes des galihischeu 'Judentums durch die Haskala gesellte sich eine Umwandlung seiner Leben normen. Im Gegensatz zu Deutschland spielte die religiöse )Aefvr-m eine recht geringe Rolle. . - Mel;r Energie wurde aus die'soziale Umgestaltung verwendet. Sie der.uslichc Gliederung der Hilden war in Polenseit jeher nicht so einseitig gewesen, ivie sic in Deutschland äußerer Zwang gezeitigt hatte. Trotzdem nahm der Wandel auch unter, den galizischen Inden, einen recht breiten Raum ein. In der Bukowina betrieben'einzelne jüdische Siedlungen Ackerbau. Joseph II. wünschte eine Uebersührung weiterer Inden in größerem Ausmaßin die Landwirtschaft^ Tie von Josef Perl (1773—1869) in. Tarnvpvl gegründete Schule sollte ganz wesentlich der Bvrbereitnng ans handwerkliche Betätigung dienen. Doch auch die Vorbereitung anfIkanMiännische Berufe bedurfte einer gründlicheh^Erneuer-nng, ivie sie die Brvdyer Realschule im Auge hatte, mm mit dern geistigen Anschluß an die Gegenwart die Rvrmalisiernng des jüdischen Lebeiis zu erreichen. Die Haskala bestand in Galizien (und gaiiz gewiß iit Rußland) nach. als in Deutschland die Aufklärung längst der Vergangenheit angchbrte. Früher als in Deutschland traten aber völligmene Zustande ein, die allmählich die Epoche der Haslala abznlöfen bestimmt ivaren. Am schnellsten ist dort die religiöse Reform gescheitert. Nlit dem Jahre l8ttZ war sie in Galizien begraben. Aber auch die wirtschaftliche Umschichtung hat nicht die erhofften Erfolge gebracht. Schonunter Joseph 11. zeigte sich, das; gar nicht genügend Siedlnngsland für Juden zur Verfügung stand, da der -Kaiser alle freien Böden an deutsche Siedler ans den Erölandcn vergab. In der österreichischen Zeit verarmte in Wirklichkeit die jüdische.Bevölkerung Galiziens zusehends und die gehobene Schicht, die der Haskala vor allem ergeben war, schwand innner. inehr. Gerade die fähigsten -Elemente wunderten anS. Als sich der Antiseinitssmns aufs neue regte, stand es für die Massen fest, dag die Ansklärung nicht geleistet hatte, was sie versprochen hatte. Sie hatte den Weg „ansdem Ghetto zur Kultur" nicht führen-können.. Vor diesen Röten flüchtete die Menge, der Juden zur Mpftit. Schon Jakob Samuel Byk fgest. der in „der- Liebe zu Israel das vornehmste Fundament für israelitische Bildung" sah, hatte siel) von der Haskala altt gewandt, die wesentliche jüdische Werte ignorierte.amd sich den Ehassidim genähert. Während am Ende des 16. Jahrhunderts. die nüchternen Misnagdim in allen Städten. Galiziens geherrscht halten, eroberte gegen Ende des -vorigen 'Jahrhunderts der EhafsidismuS fast ganz Galizien. Ein Patriarch Am Rovcmber wird Staatsrat Jacob - Teilet * 5 I ahrc alt. Einen „Erilarch", d. b. einen „Führer der Verbannten", nannte der Hiiioriker S. Tubiww den Jubilar in dem Geleit- N'ori zu den Lebenscriimermigeii Teitels. die unter wem Titel „Alls meiner Lebensarbeit" im Jahre 1929 iiiil Verlage I. Kaussniann, Frankfurt a. II,'.)- ersehienen sliid.. In der Tat: die Sorge um das materielle und gegtige Wohlergehen jener Inden, die sich durch die bolschewistische - ^Revolution ge- Mimqeu sahein. ihre Heimat zu verlasseil, hatsich Teitel--zur Lebensaufgabe gemacht, und wie Judeiiheu Deutschlands weis;- die- Bedemunq emessakchcn Mannes zu schätzen, Vertreter aller Richs r-n-iiglni. und - Parteien der deutschen Jndenheit haben übrigens mehr als einmal Rio vor zehn- Jahreir, bei- .der, Feier des -75, Geburtstages- Teitels-l diese Schätzung öffentlich--.znm -Ausdruck" gcbracl,t. lind mancher von ihnen hat dem Jubilar auch in seiner praktischen Arbeit hilfreich bcigestandcn. .Wenn wir heute das Leben dieses Mannes von höherer Warte überschauen, so dürfte uns, scheint mir, ein Zug besonders auffallen, Teitel hat in seiner Kindheit wohl den Cheder besucht, aber sein ganzes weiteres Leben hat ihn doch vom dogmatischen und konfessionellen Bestände des Judentums weit entfernt. Er absolvierte dre juristische Fakultät An Moskauwirkte daun Jahrzehnte als Richter — als einziger jüdischer Stichler —' außerhalb des sogenannten jüdischen „Ansiedlungsrahons", lebte hier im christlichen Milieu und war mit einer Reihe hervorragender Schriftsteller des vorrevolutionären Rußlands persönlich befreundet. Und trotz alledem erwacht in ihm in entscheidenden Lebensmomenten immer der Iilde! Rach Absolvierung der Universität arbeitet er an einem Plane der Herausgabe einer Zeitung in russischer Sprache zur Bekämpfung des Aiitisemltismns — einem Plane, der infolge der Gleichgültigkeit mancher damaligen jüdischen Finanziers scheitert. Als die Welle des Anti-. semitislnus hochkommt, legt man Teitel aus den Doch auch diese Entwickelung führte zunächst zu einer noch weitergehenden Aufspaltung der Judenheit. Eine dünne Oberschicht, die nicht in „Halbasien", wie Emil Franzos es nannte, leben wollte, entfernte sich immer weiter vom Judentum. Auch die sprachliche Einheit wurde damit zunächst immer mehr aufgegeben. Entsprechend der veränderten Politik Oesterreichs wandten sich Fortschrittliche und Ehassidim bald politisch dem Polentum zu und bekannten sich auch zur polnischen Sprache. Nur in Brody hielten sich die deutschen schulen. Daneben machte sich im Osten, namentlich bei den Jüdisch-Nationalen, eine Hinneigung zu den Ruthenen bemerkbar. Gleichzeitig trat dgsUiddische in den Vordergrund. Bezeichnenderweise ist auch hier Byk der Wegbereiter. Der „Jargon", wie inan damals noch halb verächtlich sagte, machte siet) im öffentlichen Leben gegen dctr Wittert der polnisch bestimmten Obrigkeit immer mehr bemerkbar. So merkwürdig uns das vom heutigen Standpunkt erscheinen mag, so kam das doch wesentlich durch die in den Sielen Kreisen des Justizmini.sterinmZ nahe, sich taufen zü lassen, um sein Amt zu behalten. „Es gibt im Leben auch nnverkäiiftict-e" Tinge", erwidert er kurz und bündig auf das Angebot. Was istes. Inas-, diesem Juden, der. wie wir schon sagten, vom religiösen oder nationalen Judentum weit entfernt ivar, diese Antioort in den Mund legte? Frappiert das Festhalten am Judentum gerade bei Juden dieses Thpns uns nicht besonders'? Es ist letzten Endes das Bewußtsein der. Schick- ' s a l s g e. m e i n s ch-.a f t > das Juden aller Rich- - lungen verbindet, Dieses Bewußtsein zeigte sich mt Leben des Jubilars auch sonstwiederholt. So, als er tätigam. Plane einer jüdischen Universität tiv Rußland mitgrbeitete, in der die durch die Gesetze vom -Studium * ausgeschlossene jüdische Jugend ihre höhere Bildung erhalten sollte.. So ferner,-- als er, nachdem"er demissionierenmußte, sich --im Aufträge der TerritorialNten. nach Lissabon begab, um mit der portugiesischen Regierung wegen des Erwerbs der westafrikanischen .Kolonie Angota für jüdische . Ansiedler zu verhandeln (1912). Diese unter günstigen Auspizien begonnenen Verhandlungen verliefen — leider — im Sande und, wurden durch den Weltkrieg vollends zum Schweigen gebracht. . Am stärksten äußerte sich .aber das Gefühl der Schicksalsgemeinschaft bei Jacob Teitel in seiner Arbeit für die jüdischen Flüchtlinge aus Rußland. Er organisierte für sie eine geldliche Unterstützung, Sprachkurse, Nähkurse, Vorträge, mcdi-" ziliische Hilfe usw. Diese ganze Arbeit konzen- - trierte sich in dem inzwischen liquidierten „Der-. bande russischer Juden in Deutschland e. V.", dessen langjähriger Vorsitzender Teitel war. Heute lebt er im Auslande, wo es ja auch genug Bedürstige gibt. Mit dem ihm eigenen Humor nennt er sich „König der Schnorrer", und we'r ihn bei der Arbeit sah, der mußte über die Unermüdlichkeit staunen, mit der -dieser Patriarch in Sielen Besuche macht, Konferenzen abhält usw., um nur die für seine Schutzbefohlenen nötigen Mittel zu beschaffen. Bemühungen der Zionisten. Sie erkannten in dieser Sprache ganz richtig eine der wichtigsten völkischen Gegebenheiten des ganzen Lstjudcntums. Noch unter Herzl erschien so eine jiddische Ausgabe °der „Welt" neben der deutschen, viele Jahre ehe an ein hebräisches Zentrnlorgan des Zionismus gedacht werden konnte. - Wenn so die weitere Entwicklung auf vielen Gebieten den Zielen der Haskala widersprach, so hat sie auf anderen viel länger die Vorherrschaft bewahrt und den Ab-, lauf des innersüdischen Geschehens bis in unsere Tage bestimmt. Das jüdische Denken ist vom Westen her durch sie befruchtet worden, doch hat sie ihm seine jüdischen Inhalte bewahrt, lstachmann Krvchmals Sohn Abraham wies freilich mit seiner Philosophie aus dem Judentum heraus, dessen ' Sinn ihm nur ist, Träger des ethischen Monotheismus zu sein. Der letzte große Vertreter der Haskala aber, Josua Heschel Scharr (1814 bis 1895), hat zwar selbst wenig neue bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse gesunden, doch hat er durch seine Arbeiten, die sich auch auf die Tälmudkritik erstreckten in Stofs und Fot- Emile Marcovitch, Paris Es wird sicherlich vielen aus der Seele gesprochen werden, wenn wir diesen Rückblick auf das Leben des gütigen Mannes mit dem Wunsche beschließen, es möge ihm noch lange vergönnt sein, in dem „biblischen Alter", das er erreichte, zu verbleiben! ' . H. Rabbiner Dr. Kaatz - Hindenburg (O.-S.) hat vor wenigen Tagen sein vierzigjähriges Amtsjubilämn begangen. In tiefem und umfängrcichcm Wissen um die wertvollen Kräfte im Judenrurn wurzelte sein Wirken um dessen Erhaltung und sein Eintreten für alle produktiven und ansbauenden -Kräfte in ihm. In Dankbarkeit beglückwünscht nicht nur die Gemeinde Hindenburg, sondern das gesamte Judentum in Lberschlesien den Jubilar und wünscht ihm noch viele Jahre gleich wertvollen Schaffens in ungebrochener Kraft. Form der jüdischen Wissenschaft . bis zur Gegenwart wirkende Anregungen gegeben. Denn die galizische Haskala hat der jüdischen Wissenschaft die hebräische Ausdrucksform erhalten, die von der nächsten Generation in Galizieit (S a l o m o n B u b e r>, bald aber allenthalben in der Welt übernommen wurde. Wie in der zweiten Hälfte des. vorigen Jahrhunderts das Wochenblatt „Ibri Onoebi" (herausgegeben von Werber, seit 1865) der Verbreitung der Ideen der Aufklärung diente, so schuf um dieselbe Zeit Rüwin Brandes seine hebräischen sozialen Romane. Inzwischen hatte die Haskala längst den Weg von Ostgalizicn -in die benachbarten russischen Gebiete gefunden.' In der Ukraine wurde die Brücke pvi sehen der hebräischen Bewegung und der nationalen Itzee geschlagen. Die Haskala hat nicht nur den Uebergang von mittelalterlicher Abgeschlossenheit zur Moderme erleichtert und so manchen vom Abfall bewährt, die jüdisclie Anfklärung hat auch, so merkwürdig das klingt, gegen' die Vertreter des bewußten Judentums, gegen Ehassidim und Zionisten, dem jüdischen Volke seine Sprache erhalten. Der Abreisskalender Eine Vierteljahrhundert-Erinnerung Vor fünfundzwanzig . Jahren, in der zweiten tstovemberwvehe 1910, entfloh vor Tagesanbruch ein Greis in dem russischen Dorf, das deutsch ,.Helle Liclitung"- heißt, dem Hause, das seit yveinndachtzig Jahren, seit seiner Geburt, sein Obdach gervesen uw. ErTirrte umher, nächtigte in einem Wallfahrtskloster. besuchte seine Schlvester. eine Nonne, floh weiter.' begleitet von seiner jüngsten Tochter und einem ärztlichen Freund, die ihm gefolgt ivaren. und legte sich schließlich in einern'Balim'värterhäns fiebernd ans ein Lager, von dem er nicht mehr aufstehon sollte. „Es gibt auf Erden l>Rillivnen R!enschen. die leiden-, warum besaßt ihr euch gerade mit nur?." Sv klagte er vvr denen, hie bei ihm waren. Am Lu. R'vvember erlöste ihn der. Tod. -Das ivar das Ende des-Grafen Lew Nikvlajeivitsch Tvlstoi. Ein Vierteljalirhnndert ist seitdiesem Tode vergangen, der znm erstenmal wirklich - und ganz ernstmachtehnit dem-Leben desscii, der'ihn erlitt. Tie ganze BTel-t nahin Anteil am Sterben des entflohenen Hauslierrn von Iainaja Pvljana, des--Weisen der ..Hellen Liehtnng". lind ivas auch iiiuner gegen H'iitc Verkündungen eingewandt wurde — der einsame. Tvd in der iveltverlvreneir Bahnstation -von Aitapvivo ließ gegeniiber deii zahlreichen Kritikern die Sliminen derer vernelimlich hervortreteii. die von Tolstoi als-einem Propheten und eineiii sittlichen.Genie sprachen. Tvlslvis Löeg zu dieser Prophetie war lang lind heschkverlich. Wer. gedeiikt heilte '! I mt,,- -bi rfr -rH l i-> I ge NS. an dem vor kaum einem -'»^'mftyei-mller alle/ Weit Anteil imhm-'. Sieben Jahre vvr Tolstois Tod , verfolgte man. in den Zeitnngeii gespannt die Nachrictiten über ' die sclgvere Erkrankung., die Tolstoi danials li-ftminchte. Das Krankenlager. von dem. sie I'aiireli. ivar nicht nur rine Stattc dcs Ringens mit den Plagen des Körpers. Der Greis Tolstoi rang um jene letzten Erkenntnisse seines Lebens, die ihn schließlich in die spätherbstliche stacht hinausgetrieben. Auf den Blättern eines Abreißkalenders vermerkte er während der Krankheit des-Jahres 1903 die Gedanken. die er aus den Weistümern der Welt zilsamme,.- triig. Und unter diesen Eintragungen befanden sich eilte ganze Reihe von Sprüchen 'aus dem Talnuid. Wie war Tolstoi an die talmudische Ueberlieserung gekommenP Der Erkenntnisdrang dieses Riannes ist eins der Kennzeichen. die für seine Beurteilung außer jedem Ziveisel stehen. Iit einem Lebeiisalter, daS den meisten ftRenschen den Zugang zir völlig neueil Gebieten des Lernens versperrt, beschäftigte sich Tvlstoi mit Wissenszweigeii, deren Erschließnug von ihm, dem rveltberühmten Verfasser der Romane „Krieg iiiid Frieden" imd „Anita Karenina", einen Eifer verlangten, wie er sonst nur Jugendlichen anstcht. Zii dieser späten Schiilimg gehörte das Stndiiim, der Bibel bei dem Moskauer. Nabbiner Mi'nor.. Zwar hatte Tolstoi von Jugend mif ein inniges Verhältnis znr- Bibc-l. aus der ihn namentlich die Josefs- Geschichte immer wieder fesselte; in dieser erblickte er das ".Nüster aller erzählenden Kunst. Was ihn jedoch mit dem Moskalier Rabbiner zilsammelisührte, war nicht nur-die Deuttiiigder Bibel, sondern die - Kenntiiis ihrer Sprache; er wollte Zil den Quellen Vordringen. So lernte er in reifem Alter HebräischP-ja sogar Araniäisch, um die Aggada in dex Ursprache kennenzulernen. "'lieber den tieferen L-inn dieses.Studiums .gibt eilt.Ausschnitt aiis diesen Lernstunden mit dem Rabbiner Milivr kenuzeichueudeli Aufschlilß. Tvlstoi erzählt davon in seiner sozialethnchen Schrift „Mein Glaube". Ellas mit dem Rabbiner dasfünfte Kapitel des'"Blatihäns-Evangeliums.' das die Bergpredigt. die Seligvreisimgeii.und dicPLehreil von der GesetzescrsülliUig' enthält. Fast beijedem Ausspruch wies der Rabbiner darauf hin. daß dies auch in der Bibel oder im Talmud stehe, und er zeigte Tolstoi Stellen aus den: Talmud-, die den Worten der Bergpredigt sehr nahe kamen. Als jedoch dre beiden Leser an.den Vers gelangten: „Ihr sollt nicht widerstreben dem Uebel". der im Tpxt der Bergpredigt dem (stets falsch, weil im Sinn der Vergeltung und nicht nach der ursprünglichen Rechtsbedcutung, nämlich der des Schadenersatzes ausgelegten) Bibelwort „Aug' um Auge, Zahn "um Zahn" entgegengesetzt wird, sagte der Rabbiner nicht, daß auch dies im Talmud stehe'. Aber dafür fragte er Tolstoi, ob die Ehristen nach diesem Wort auch wirklich lebten. Tolstoi konnte nichts daraus erwidern. . Seit diesem Zwiegespräch beschäftigte sich Tvlstoi immer wieder damit, eine Antwort ans die Frage des Rabbiners zu finden.- So kam er zu seiner unbedingten Forderung, mit der reinen Lehre der Bergpredigt ganz ernstzunlachen und in Wahrheit nach dem Wort zu leben: „Mein Reich ist Nicht von dieser Welt." Man sieht, daß Tolstoi zu seiner neuen '.evangelischen.- Lehre durch den. Widerspruch gegenüber der rabbiuischeu Auffassung gelangte. Die mosaische Religion erschien ihm. gemessen an dem Rtessianismus, den er für den wahren hielt, zu diesseitig. Dennoch erkannte er au. daß Bibel und Talmud mit die Grundlagen für die fünf Gebote bildeten, die er aus den Hauptlehren der Borgpro-digt zusammenfaßte: "t. Du sollst nicht in-Zorn geraten: 2. Du sollst dich nicht scheiden von deinem Weibe; 3. Du soll keinen Eid leisten: 4. Tn sollst nicht widerstreben dem Uebel (Tu sollst nicht Böses mit Bösem vergelten); 5. Tu sollst niemandes Feind sein. Diese neue Botschaft aus dem alten evan-- gelischeu Gut fand eine große Gemeinde, die den Propheten dieser Lehre bewunderte, sic aöer kaum ernstlich ' befolgte. In der Unzufriedenheit über die Wirkung seiner Lehre vernehmen wir einige charakteristische Worte Tolstois ans der bereits genannten Schrift „Mein Glaube": „Unsere Gesellschaft hat. den Begriff eines unzweifelhaft vernünftigen, für alle bindenden Gesetze.so ganz verloren, daß das Bestehen eines Gesetzes, das wie bei dem jüdischen Volk das ganze Leben bestimmt. eines Gesetzes, das bindend wäre ohne Zwang, nur durch die innere Neberzeugung eines jeden, als ansschließtiche Eigentümlichkeit des jüdischen ' Volkes angesehen wird. Daß die Inden sich nur dem unterwarfen, was' sie in. der Tiefe ihrer Seele als das wahre, unmittelbar von Gott erhaltene Gesetz'anerkannten, das heißt ivas mit ihrem Gewissen übereinstimmte. wird als eine Besonderheit der Juden angesehen . . . Vergebens habe ich in unserer zivilisierten -Welt irgendrvelche klar ausgedrückten, sittlichen Grundsätze für das Leben gesucht.- Es gibt keine." Bei dieser reformatorischen Ausstellung sittlicher Grundsätze für das Leben war Tolstoi augelangt, als. ihn die Krankheit des Jahres 1903 . traf. Und nun beginnt das Ringen von neuem, das fortdanert in der langen Zeit der Genesung. "Aus den Weistümern der Welt sucht er sich die Bausteine für die letzte Znsluchtstätte.der Wahrheit und der Erkenntnis zusammen. Er beschwört Lavtse und Konfuzius, Buddha- und Ramakrischna. Platon, Seneca. Epiktet. Marc Aurel. . Pascal. Kaut, Earlyle.. Ruskin, Elnerspu und andere.. Tie Gedanken, die er aus ihnen gewinnt.- trägt"er ans die Blätter des Abreißkalenders' ein. Ein ganzes Buch der Weisheit entsteht so, upd große Partien dieses Buches, ja faßt die größten, sind auf diesem seltsamen- Kalender den Aggadot des Talmuds, eingeräumt. Es waren Bcartsteine am Wege, eines bis —wa—dOxcixito Ali.'-,- mit die Erkenntnis Ringenden, der in entscheidender Zeit die tiefen Worte fand: „Der Glaube ist die Kraft des Lebens. "Man kann ohne den Glauben nicht leben. Die religiösen Ideen sind in entschwundenen Zeiten vom menschlichen Geist

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