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Central-Verein-Zeitung · 1935-10-24 · 43 (24.10.1935) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
43 (24.10.1935)
Date
1935-10-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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«llitn schichten der gebildeten Ltände wohnen hier und stellen sich der Lozialarbeit zur Verfügung. - - ° . Hier werden die ärmsten der Einwanderer ausgenommen. Besonders" sind es Polen. Bussen. Rumänen, ostjüdische Einwanderer, deren erster Weg nach Hull-vrouie führt. In Türkische Briefmarke mit dam Bildnit pts W7 Jane Addarm diesem Lande, in dem sie fremd und entwur°» zell sind/bietet ihnen Hull-House das Heim. In den Settlements sind viele der Leiter und Leiterinnen Juden: und das oberste Gesetz dieser eigenartigen Gründung ist: Geben und Nehmen ist gleich selbstverständlich. Tie Gebildeten sollen die Ungebildeten belehren und gleichzeitig auch, von ihnen lernen. In Hull- House werden die unbeholfenen. gehemmten Einwanderer zu Amerikanern gemacht, zu Amerikanern, deren hervorstechendste Eigenschaft die Herzensgüte der großen Gründerin , Jane Addams ist. In Hull-House erzogene Einwanderer, freiwillig erzogene Einwanderer, dürfen sich niemals -ihrer Eltern schämen. Es nürd ihnen 'klar gemacht, daß der studierte / Sohn., der. später im steifen Hut herumläust. nch niemals der Mutter scl)ämen darf, die das bäuerlich-bunte Kopftuch trägt. Unzählige Klubs sind Hull-House ungegliedert. Für alle Berufsarten und Menschen. Tie Mutter treffen sich im „Motbers Club", in dem für die Unterhaltung der Allen gesorgt ist.' Es gibt Malerateliers und Töpsereiichülen. Theaterschulen und anderes; je nach der Eigenart derjenigen, die in Hull- House gerade Unterschlupf gesucht , haben. Hull-Hoüse stellt sich dauernd um; sind die einen. Einwanderer aus dem Lsten. flügge geworden und haben sich und ihre Arbett rn Hull-House an den neuen Kontinent gewöhnt. dann stellt sich das ganze Settlement aus die Neuankommenden aus dem Osten um, aus ihre neuen Begabungen und Fähigkeiten. Trotzdem die meisten^ der Schützlinge von Hull-House arme Juden sind, und trotzdem viele jüdische Mitglieder im guten Werke der Settlements arbeiten, ist diese Gründung der Jane Addams vollkommen interkonfessionell. Jane Addams präsidierte persönlich beim gemeinsamen Mittagstisch und gab selbst die Suppe aus. Sie war ungeheuer populär. C.-V.-Leser trinken hur den Kaffee, Teo, Kakao der Camajo Kaffee GroOiSsterei Bremen 4 Vertreter werden noch eingekeilt Als rch ein paar Tage ihr Gast gewesen war und ihr zum Abschied in einem nahen Blumenladen ein Paar Blumen senden lauen wollte, san^der Inhaber, als er die Adresse - erfuhr. dieWWnsa'che Anzahl der von mir bestellten BliWt. Jane?tzaoamS. aus ältester amerikanischer Mahslowcr-Abstammung, war von frühester Kindheit an sozial eingestellt. Ihre ersten Erinnerungen gingen weit, weit zurück. Als ganz kleines Mädchen, hatte fiV einen schönen Mantel bekommen, aus den sie sehr stolz war. Sie wollte ihn anziehen. tim damit in die Kirche zrh gehen. Ta wurde sie von ihrem Vater darauf aufmerksam gemachte daß es arme Kinder gäbe, die überhaupt keinen M-antel besäßen — für die Dreijährige eme überwältigende Offenbarung^ Zweites. erschütterndes Erkennen menschlichen Elends war ein Besuch in Whitechapel, wo sie als kleines Kind sah; wie völlig ausgehungerte Menschen sich auf Blumenkohlstrunke im Kehricht stürzten . . . Später lernte sie alle Stufen des sozialen Elends aus eigener Anschauung kennen. Sie wurde Inspoctrice of the Street und besorgte unter anderem selbst die Müllabfuhr, so daß sie die damaligen, katastrophalen Zustände dieser Betätigung erkannte und dann sie grundlegend ändern half. . Man kann sagen: Alles, was es im westlichen Amerika an sozialen und ethischen Errungenschaften gibt, geht vom Hull-House. gehr von 'einer Begründerin Jane Addams Tic'e Iran, deren Wesen größte Güte. Abgeklärtheit und sanfte Energie ausstraksite. blieb bis zu ihrem Tode innerlich jung. Sie brachte allem Neuen das größte Verständnis entgegen und kannw nicht die geringsten. Vorurteile. v In Hull-House befand sich einige Wochen ein junges Mädchen, das ein Buch über die Gründung schreiben wollte. Das Mädchen war sehr hübsch, ausfallend elegant und nach letzter Modo gekleidet. Eine Besucherin fragte zweifelnd, ob dies denn die geeignete Person zum Erfassen eines solchen Werkes fei' Jane Addams erwiderte: ..Das Aeußere ist doch völlig gleichgültig und die jetzige Jugend kann inan nicht mit den Methoden von früher gewinnen." , -k.::. Später fügte sie hinzu, daß. wenn .sie selbst jetzt zwanzig Jahre alt wäre, sie ihr soziales Empfinden wohl Nicht mehr in einem Settlement verwirklichen würde — sondern in einer Bewegung. Diese seltene Frau blieb niemals im Theoretischen stecken und fühlte jeden veränderten Rhythmus der Welt mit. Jane Addams hat zwei große Werke geschrieben: ..Zwanzig Jahre in Hull-House" und ..Zwanzig Jahre Friedensarbeit". Ein wunderbar reiches Leben hat jetzt mit dem Tod der nahezu Fünfundsiebzigjäürigen seinen Abschluß gefunden. Lilli Rügheiüler. Zeitgemässe Geselligkeit Zuschriften aus dem Leserkreis Zu einer Tasse „schlichtem Tee“, bitte! lieber die Notwendigkeit, unsere Geselligkeit einfacher und jüdisck>er zu gestalten, ist theoretisch viel gesagt und geschrieben worden. Wer nun einfach praktische Vorschläge, macht. ietzt sich'der Gefahr ans. leicht belächelt zu werden, besonders von denen, die den Wandel der Jetten innerlich immer noch nicht recht ersaßt haben. Trotzdem seien die folgenden Anregungen gegeben. Heute werden Gäste bei einer „Tee'-Einladung meistens mit Sandwichs, Qbft und verschiedenen Getränken bewirtet. Man kann aber, bei einer ..schlichten Tasse Tee' und mitgebrachten Butterbroten recht gemütlich beisammen sein. Jüngst war ich bei einem Teeabend, wo jeder auch Zucker und auch sein Reisebesteck mitbrachte. Tie Hausfrau, der so die Mühe der Reinigung einer großen Anzahl von Messern und Gabeln erspart wurde, wird sicher dafür dankbar gewesen sein. Aber dies mag manckien zu weit gehen. Doch sonst möchte ich für die ..schlichten Teeabende'. wie ich sie nennen möchte, eine Lanze brechen. Bei solchen schlichten Teeabenden muß der Grundsatz der äußersten Einfachheit mit der größten Strenge durchgeführt werden. Tie Frau A. darf nicht sagen: Wenn schon die Gäste sich ihr Abendbrot selbst mitbringen, etwas Gebäck oder Konfekt oder etwaE Obst darf ich doch herumreichen. Und Herr A. darf nicht sagen: Es kann doch nichts schaden, wenn Zigaretten oder Zigarren.auf dem Tisch stehen oder wenn später Schnaps eingefchenkt wird. ES kommt nicht darauf an. ob .solche Ertrasachen dem Ehepaar A. nichts ausmachen, sondern darauf, ob diese Ausgaben nicht für das' Ehepaar B.. das in der nächsten Woche auch einen „schlichten Teeabend' geben möchte, schon fühlbar sind. Wer zu einem „schlichten Tee' eingeladen wird, muß die absolute Gewähr dafür haben, daß er nur eine soläte Bewirtung bekommt, deren Kosten er selbst auch ansbringen kann, d. h. die Ausgaben sür den Tee. Zucker. Milch. Zitrone und Papierservietten: und sonst keinen Pfennig mehr. Bürgert sich die Sitte der schlichten Teeabende ein, so würde dies auch eine . seelische Erhebung für alle die unter uns sein, denen er früher eine Freude war. Gäste bei sich .w sehen, die diese Freude aber bei Beibehaltung der alten Geselligkeitssitten entbehren müßten, weil sie sich eben auch kleine Ausgaben nicht mehrleisten können. Nun noch eine Anregung, wie unsere Geselligkeit jüdischer gestaltet werden kann. Man hat nicht dann einen Abend im jüdischen Geiste verbracht. wenn man den ganzen.Abend über die jüdischen Miseren unserer Tage geschwätzt hat. Wer aber einen jüdischen Künstler odex eine jüdische Künstlerin zu sich bittet, trägt nicht nur dazu bei. die Not in Liesen Kreise» etwas zu lindern, sondern bereitet sich und seinen Gästen auch einen jüdischen Kunstgenuß. Natürlich braucht der jüdische Gesangs, oder Bortragskünstler nicht ausschließlich jüdische Dinge zu bieten. Aber jüdisckD Musik und jüdische Stücke ernsteren oder heitexen Inhalts sollten einen breiten Raum im Programm einnehmen. Ties wird der Künstler schon im eigensten Interesse, machen, da er bei einer geschickten Auswahl in unserer fetzigen Stimmung mit jüdischen Lachen den größten Beifall erntet. Auch .hebräische Lieder sollten nicht fehlen: sie können ja vorher oder nachher übersetzt und erklärt werden. Vielleicht wird auch inanckicr Berständnis und Liebe für. die. Perlen jiddischer Musik finden. . Es ist in den letzten Jahren viel davon gesprochen worden, daß die häuslichen Andachten wieder belebt werden müßten und daß Kurse zur Aus'riichnng der erforderlichen Kenntnisse geschassen iverden sollten. Ich iveiß nicht, ob solche Kürse viel Beifall gefunden haben. Wie wäre es. wenn ein Künstler-, nachdem er durch Bortrag, - jüdischer Lieder im -streife der Gaste eine judiickie Stimmung'verbreitet hat. Kidduich oder Habdala -übt-?. Man komme-mir hier nicht mit dem billigen Spott: -„Kiddusch und - Habdala. als Geiellschaftsspiel:' Hat der Künstler das: nötige Geschick und wird er von den Gästen, die diesen Tingeu näher - stehen, verständnisvoll nnterstutzt: io wird.er schon bet den übrigen Gasten auch'Anhang finden..und das Gefühl einer Entweihung heiliger Gebräuche nicht elilfkommon .lassen.. . Dr.. Thea Rippner. Bridgegewinne gehören der Winterhilfe! In der heutigen Zeit vermeiden es viele Leute, auszugehen. So wird in den Häuslichkeiten viel Karten und wohl , vorherrschend Bridge gespielt. Jeder, der spielt, rechnet damit, daß er. gegebenenfalls verliert, andrerseits werden wohl die meisten Spieler keinen grvßen Wert darauf legen, ein«! Gewinn ernzustccken. Mein Vorschlag geht nun dahin, den Spielern klarzumachen, grundsätzlich alle^Gewinne der jüdischen Winterhilfe zu überweisen. Es darf nicht unterschätzt werden, um welche Stimmen es sich hierbei handelt. Ein Umsatz von zwei bis drei Mark ist nicht selten. Ta aber an jedem Tage allein in Berlin sicherlich einige hundert Partien Zusammenkommen, so kann man sich leicht überschlagen, um welche Summen es sich dabei handeln würde. Gertrud Lippmaun. . IIII!III||||||||||||||||||!UIIIIIII1IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1IIIIIIIIIIII1IIIIIIIII' Minna Schwär* Bronze-Relief von Jacob 1‘Uisncr der jungen Generation die Augen verschließen zu dürfen. Er hat schwer gerungen, ein ganzes Leben lang, hat seine große Familie in Liebe ernährt und war e>>r gerader, tapferer Kämpfer; was er heute tut. ist kein Versagen, keine Bequemlichkeit: er ruht nur aus und läßt sich durch nichts mehr stören. Anders Herr T. Er ist mit seinen 81 Jahren der Jüngste am Tisch — und obendrein noch Junggeselle. Ein Mann, der vor sich hiirträumt und — denkt wie ein alter Weiser. Und der auf einmal zu sprechen beginnt.'mit leuchtenden Augen. Tie beiden anderen verstehen ihn tanm. er spricht sehr leise, aber sic hören zu. Er spricht von der alten jüdischen Ueberlieicruüg. geschichtliche Ereignisse nur den Jahrhunderten werden wach, er belebt die Bilder einzelner großer Männer und Frauen aus der jüdischen Vergangenheit. deren Beispiel immer strahlender werden soll. Er spricht von den verschiedenen Bewegungen im heutigen Judentum, von ihren leitenden Persönlichkeiten. von-großen Werken aus Wissenschaft und Kunst, die der jüdische Tag bringt — er ist über alles vollkommen im Bilde. Er spricht aber nur von den Grvßen des Judentums- 'eines Judentums. und cs ist, als ob er all dies auieinandertürme zu einem testen Sockel. . von dem ans er weit zurück und weit hinaus über den Tag bückt: ein stiller Weiser des Weges.' ein Trö'ster mit seinen, weißen Händen, die sich am höchsten Gut festklaminern. das das Judentum geben kann: an seinem erfüllten Heist. Und dieser Mann ist keineswegs ein Gelehrter von Beruf — früher war er Metzger. So lebensie mit. die drei allen jüdischen MeiEckien in der kleinen Stadt. Auch sie sind in den letzten zwei Jahren andere geworden: teils » älter geworden um di eie Zeit, teils aber auch jünger. Sie erfahren cs täglich, wie'ihnen der Besitzer des Cafes nickst mehr wie früher die Hand gibt, wenn er am Tiich vörbeikommt: ob sie den - Schmerz, der darin liegt, nicht mehr so spüren.wie di» anderen., .die Jüngeren, die er von hier vertrieo — ob sie die Krait haben, ihn nur nicht zu W'igen' .Niemand wird das erfahren: aber jeder. der sie hier sinen sieht, wird fühlen, daß sie nicht - ans eitler Bergnügnng-sfuchl hier sitzen: sic können sich aus der alten Bahn ihres Lebens nicht mehr lösen. Hilde Man. Telefon-Gespräch Hallo ... bist du da, HarryV- Hier ist Ruth! Komm’ heute um halb fünf zu mir zum Tee! Wie sagst du? — Arbeit? — Morgen ist ja auch ein Tag! Heut bin ich einsam ... und mir tut mein Herz so web! Zu teuer? — Ach, ich bab’ noeb-guten Tee! Und Muttel sehickte Kuchen! — Weisst du, den du gerne isst! , Wie? — Zigaretten? — Die bring* du nur mit! Und schreib dir auf: „Halb fünf!“ — Dass du es nicht vergisst! Musik mach’ ich mit meinem Kofferapparat ... . ■ “■ Die Platten sind zu alt? — Na ... manche sind auch neu! Wir lassen die Balkontür nach dem Garten auf ... Du ... in den Kästen blüht schon blau die Männertreu’! Ich bin zu „oberflächlich”? — Unsinn:, — Bin ich gar nicht! Ich weiss zu gut nur um den Ernst _ der Zeit r- Und gräTde desbaio mochrrch ein paar Stunden leben Auf einer kleinen Insel der Behaglichkeit! Lise Lewinneck (Königsberg Pr.) Bücher „Arbeiterinnen erzählen — Kampf und Leben in Ere* Jiiriel.“ Herausgegeben vom Hechaluz, deutscher Landesverband, im Verlag „Kedem“, Berlin-Charlottenburg. „Arbeiterinnen erzählen'. Das ist ein schlichter Titel für ein Buch, in dem aus jeder Seite ein vaar Sätze stehen, die den Gleichgültigsten und Kühlsten'auirütteln und ihm bis zum Herzen dringen müssen. Aber trotzdem könnte zu diesem Buch keine passendere Ueberschrist gefunden werden: die Form, in der es abgefatzt ist. ist ohne Patbos. mit einer Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit werden Arbeit und Not registriert, ohne jede persönliche Eitelkeit-schildern die vielen Frauen ihre Gemeinschast. ihre Leistung, ihr Tagewerk, ihren Kampf und erreichen damit das. was nur zu erreichen ist: Ter von ihnen nüchtern und sachlich wiedergegebene Alltag ist von ihrem HeroiSmus durchdrungen, und zwischen den Zeilen atmen ihr ÜJhit. ihre Stärke und ihre Krast. ihre Aufopferungsfähigkeit. ihr Ernst und ihr Wille. Uebecrascht stellt man stst. daß die erzählenden Arbeiterinnen säst durchweg ganz junge Mädchen sind, die mit einer ieltenen und beinahe unheimlich nnmutenden Reife handeln, denken und sich für ihr Ziel einsetzen. Tas/sind die Genescationen. die zwischen 1904 unb 1914 und zwischen 1919 und 1922 nach Palästina kamen, aus Rußland und .Polen, verfolgt von den Erinerungen an entsetzliche Pogrome. aus dem bürgerlichen Gleichgewicht gebracht durch die russische Revolution. Sie kommen in das öde. unfruchtbare Land als Arbeiterinnen in ungewohnten Berufen, als Kolonisatorinnen aus dem fremden, steinigen Boden, den sie als ihren Eeimatboden erkennen, um den sie ringen und . kämpfen, Quadratmeter für Quadratmeter. Sie kommen als Mädchen und Frauen, manche noch iast als Kinder in ein Land, wo die Beziehungen . pur Arbeit, zur Familie, zur Gemeinschaft erst von ibnen selbst aufgebaut, gestaltet.werden müsien. Pionierarbeit aut jedem Gebiet. Sie sind die Gründerinnen der palästinensischen Arbeiterinnen- Bewegung. Am tragischsten berührt uns wohl das letzte Kapitel ..Heimgegangen'. Kurze Nachrufe von Arbeiterinnen über Arbeiterinnen, die nicht mehr am Leben sind. Was in diesen Zeilen an seelischen Regungen in allen Höhen und Tiefen mitschwingt. kann man nicht mit'knappen Worten wicdergeben. Jeder, der das liest, wird sich der Rührung nicht erwehren 'können. Wunderbares Menschenmaterial hat hier seine Mission erkannt und erfüllt. . Gesammelte Märchen von Manfred Kybcr. Verlag Hesse & Becker, Leipzig. Tie Märchen von Kpber sind sür Kinder und sür Erwachsene geschrieben. Wieso sie^ für beide passen? Nun. eigentlich ist das Rezept recht einfach. Kyber nimmt die Kinder so ernst wie Erwachsene und die Erwachsenen behandelt er wie Kinder, ja. er geht sogar darauf aus. den Erwachsenen hier und da kleine wohlwollende Rippenstöße zu versetzen, wenn sie sich gar zu hoffnungslos erwachsen dünken, wenn sie gar zu ernst genommen werden wollen. Mit welcher liebenswerten Bosheit zieht er gegen solche würdige Herrschaften, ins Feld: „Ihr müßt alles glauben, was ich euch sage, denn was ich euch erzähle, ist ein richtiges Märchen, und alle Märchen sind wahr und wirklich. Dian kann sich das gar nicht ausdenken— nur der Teekessel in metnem Zimmer denkt, daß es keine Märchen gibt, und daß ich mir das alles ausdenke, und so w!e der Teekessel denken sehr viele Menschen. Seid also nicht so wie der Teekessel, wenigstens heute nicht. Damit ihr nmk wißt, wie ihr nicht seinIollt. will ich euch sagCn, wie mein Teekessel ist. Gr ist dick und groß und von glänzendem Kupfer. Er hat eine große . Schnauze, und es ist gar nichts in ihm drin, denn er wird schon lange nicht benutzt. Er tut nichts, und äuf seinem kupfernen Leibe setzt sich eist feiner grüner Ton an. den die Gelehrtest Patina nennen und der sehr vornehm ist. Er hat auch eine schöne Linie, und zwar gerade bei der Schnauze. ' Bloß Feuer hat er nicht mehr in sich. Findet ihr nicht auch, daß viele Leute so sind wie mein Teekessel?' Für solche Teekesielmenschen sind also die Märchen nicht geschrieben, und das spricht bloß für die Märchen, denn Teekessel und Menschen ohne Feuer verdienen keine Märchen zu hören und noch vieles andere nicht. Wohl aber für all die grvßen und kleinen Kinder, denen die Welt und das Leben noch voller Wunder ist. Manche Märchen von Kyber haben gar keinen Sinn und gar. keine versteckte Moral, manche haben Sinn und Morat und sind ernster, als man im ersten Augenblick vermuten könnte, ja sogar etwas philosophisch. Aber alle sind so zärtlich und schmiegsam, daß man sie vor dem Einschlafen lesen möchte, damit einen die kleinen Niren und Elfen und Teufel in, Traume streicheln. G.H.

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