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Central-Verein-Zeitung · 1936-12-10 · 50 (10.12.1936) · page 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
50 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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1 Nr. 50 » 5. Beiblatt 101 Dezember 1936 Der Kreis wird kleiner Letzten Mittwoch hoben wir F. zur Bahn gebracht; er fuhr nach Chicago zu seinen Vei> wandten, für immer. Als wir svrtgingen vom Bahnhof, wußten nur: „wieder einer weniger!" und dieses Bewußtsein war — ohne-daß wir viel davon sprachen 77-- sehr heftig in jedcm von uns. F. fuhr Ätittwoch nach Amerika, R.'s fahren nächste Woche nach Johannesburg. Und , ,üb e r n ä ch.st e..Woche' gehen Freunde, in die " Weltbund die Woche daraus sicher auch welche, — ein unaufhaltsamer Prozeßc Ter Kreis der Zurückbleibenden wird beständig kleiner, die Lücken, die entstehen, füllt keiner aus. Selten tritt einer neu hinzu, zuweilen nur geschieht es, daß die Reste sich auslösender Kruppen sich zu einer neuen' zusammenfinden. Tas Kesühl, daß es beinahe täglich leerer, stiller um uns wird, ist sehr, wach in uns, daran kann auch die Tatsache wenig ändern, daß sich die Zugehörigkeit zur Gesamtheit unserer Gemeinschaft häufiger und ernster dokumentiert als je.. Auch darin waren wir verwöhnt: zu wissen, daß dieser oder jener, wennwir ihn brauchten, da war, daß wir Tinge mit ihm gemeinsam bereden konnten. Jetzt müssen wir uns in den meisten Füllen erst hinsetzen und die Sache in einem Brief ausführlich explizieren und Tage oder gar Wochen warten, bis die Antwort kommt. Und dann sind Mißverständnisse entstanden, ein neuer Brief wird geschrieben, eine . neue Antwort konnnt, — wer, außer bei seltensten Anlässen, hat die Zeit,- die Geduld, sich auf , diesen langwierigen Versuch einer' Auseinandersetzung einzulässen? So gehen wir mit uns selbst zu Rate, oder aber vertrauen' unsere Fragen und Sorgen Menschen an, deren Urteil zwar vormobjektiver Sicherheit sein mag. die aber in dem besonderen Falle--— und wieviel Entscheidendes kann man zur 'Beurteilung, weil es zu sehr ins Private ginge, nicht mitteilen — doch nicht so raten werden wie irgendein Freund, der nun fort ist. Man müßte einmal zahlenmäßig seststellcn, wieviel jüdische und vor allem gerade, junge jüdische Menschen in ihrer Freizeit allein sind, nicht etwa, weil es vielleicht an Zerstreuungs- Möglichkeiten fehle oder aus dem Bedürfnis allein zu sein, sondern' lediglich deshalb, weil diejenigen, zu denen sie gehörten, inzwischen in alle Winde verstreut sind: Ein eigentümliches Paradoron ergibt sich allmählich: Drängen die Verhältnisse immer mehr zu einem Belvußtwerden gemeinsamen Schicksals, wird jedem einzelnen täglich deutlicher,, daß alle seine Handlungsmöglichkciten immer mehr bestimmt werden durch seine Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, nämlich dem jüdischen, so wird der Weg, den er für sich geht, mehr und mehr der Weg eines Einzelgängers. Versuchen nicht die meisten, die hinausgehen, Nsas .Kollektivschicksal, das sie betroffen hat, durch individuelle Lösung zu überwinden? Reiche Verwandte in Südafrika lassen einen herüberkommen, schon ist man — oder glaubt es zumindest — aus dem .Kollektivschicksal „gerettet". Es fragt sich, wieweit cs pädagogisch richtig ist, die Dinge so beim Rainen zu nennen.. Einwünde werden laut: man dürfe die Menschen nicht-noch unsicherer in ihrer Haltung machen; man dürfe ihnen nicht sagen, daß die Art, wie sie jetzt leben, für sie mir eine Rot-, nur eine Zwischenlösung darstellt. Wachrnfen der positiven Kräfte/ heißt das Schlagwvrt des Tages, in der. Veränderung unseres Lebens die große Chance der Renaissance jüdischer W/tte sehen. Und doch vergißt man, wenn inan heute, abwägt, ivas. verloren wurde und was neu hinzukam oder noch hinzukommen kann, eines: die private Sphäre, die für die meisten' eine schmerzliche Veränderung erfuhr, und jeden Tag von neuem erführt und die, so scheint es. .nie mehr die Form annehmen wird, die sie einst besaß. Tie Menschen, die einem nahestehen, gehen - weg. Roch ist dieser da und noch jener, — wie lange? Man kann Leute auffordern, sich Organisationen, junge Menschen: Bünden einzngliedern. man kann ne auüordern. sich bestimmten. ihnen bislang verschlossenen Dingen zuznwenden, ihre Haltung zu vielem vou dem, ivas sie früher vermrcisiässigken, einer gründ-. lickren Revision zu unterziehen, neu zu lernen, die Schlagivorte von Umkehr und Besinnung in Realität -uiuzusetzeu. aber man kann nicht Menschen veranlassen, sich miteinander zu befreunden. weil diejenigen, mit denen sie früher . befrcnndct"- waren, inzwischen . sortgegaugen - \eitf)t'r tft -7- und es hat keinen Sinn,, cs verschweigen zu wollen'7— daß. so sehr.jüdische Menschen mehr Röte Und Sorgen haben als je. sie mit diesen Nöten Und Sorgen mehr allein sind, als sie es früher gewesen wären. Vielleicht ist es gut so. Vielleicht wird das Her; IMter und der Kopf klarer.-:wenn man .-.weiß, daß man ohne viel'Trost und Zuspruch allein mit den Dingen fertig zu werden. Schwierigkeiten. die es früher nicht gab. zu überwinden hat. , Heinz ßerggriin. Konstruktive Auswanderungspolitik Die Schrift Al a x A p t s : Konstruktive Auswaiiderluigspolitik (Philo Verlag, Berlin) hat bei ihrem Erscheinen große Aufmerksamkeit im In- und Ausland gefunden. Man fühlte, dgß es sich hier nicht um mehr oder minder dem Zivetfel unterworfene theoretische Betrachtungen, handelt, sondern um eine Anklage gegenüber den früheren Generationen, welche ihre Aufgabe darin sahen, da und dort Lücken zu schließen, nicht aber den Mut aufbrächten, das Hebel an der Wurzel 'zu packen. Tie Schrift wirkt als Aufruf zur Tat ähnlich wie Leon Pinslers Mahnruf: „Autvemaiizipation". Als Pinsker zu einer Zeit, da Nordamerika nur fünfzig Millionen Eiuwvhner zählte, darauf hinwies, daß der Erwerb großer Territorien auch vom rein geschäftlichen Siandpnnkt aus kein Risiko in sich schließe, haben die damalitzen Finanzmänner versagt. Und dieses Bild ist bis auf den Heutigen Tag im wesentlichen unverändert geblieben. Alan glaubt, durch Hervorhebung der selbstverständlich vorhandenen Bedenken geistige Neberlegenheit zu beweisen, vergißt aber, daß durch chUse negative Haltung noch niemals Fortschritte erzielt worden sind. . Die Schrift von Apt versucht,, hier eine Bresche zu schlagen. Es wird die Auffassung vertreten, daß mit den bisher üblichen Mitteln des. Geldsammelns und Geldverteilens kein dauernder Nutzeffekt erreicht werden kann, sondern daß man nach einer gewissen Ilebergangszeit dazu übergehen muß. mit diesen Mitteln eine große agrarische Basis zü schaffen. Tie Zerstreuung der Inden in-alle Welt führe nur zur Verbreiterung der Iudeofeindschaft. Um aber eine' große agrarische Basis zu schaffen, muß ein entspechend großes Territorium gefunden werden, auf welchem nach einem festzulegenden Plane zwei Millionen Juden als Landwirte angesiedelt werden können. Auf einem solchen Territorium würden dann auch die anderen Berufe, die heute in die ganze Welt zerstreut werden sollen, eine angemessene Existenzgrundlage fiiiden. klm aber dieses große Territorium füragrarische Siedlung zu finden, welches klimatisch, agrvnoüüsch und, politisch geeignet ist, müssen sachverständige Expeditionen ausgerüstet werden. Rach dem Ergebnis dieser Erpeditionen wird mau einen lleberblick über, das Erreichbare gewinnen. Eine K o l v n i s a t i o n s - zentrale sür die Vorbereitung lind lleber- . wachnng dieser Arbeiten muß geschaffen werden. Tie finanzielle Fundierung soll durch eine A g r a r b a n k a » f p r i v a t w irts ch ä f t - l ich er Grundlage dnrchgesnbrt iverden. deren Anlage im einzelnen dargelegt ivird. . Aus dieser, kurzen Skizze ergibt sich, daß es sich nicht darum "handelt. einer akuten Rot zu steuern, sondern daß der Versuch gemacht wird, ein großes Problem zu lösen, welches seit Jahr--, zehnten besteht und noch Jahrzehnte bestehen wird. Je eher dieses Problem.gelöst ivird, um so eher wird es diejenigen Viaßnahinen fundieren, die jetzt-als-vorübergehende Rvlinaßnahinen getroffen werden. Tie Eiiiwendungen,.welche von. zionistischer Seite gegen diesen überzeugenden Plan erhoben worden sind, erscheinen-uns verfehlt.' Die These, daß pie Inden nur in Palästina zur Landwirtschaft.gebracht iverden. können, ist -durch die Tatsachen längst widerlegt und überholt. Ebenso nnzutrefsend ist die Wendung, daß cs sich , um „territorialistische Illusionen' handelt, weil bereits einige Projekte geprüft und nicht dnrchgesührt worden seien. Insbesondere ersäieint uns der Hinweis ans Uganda ivenig beiveisfrästig. denn gerade, dieses Land hat sich in der Zwischenzeit agrarisch sehr gut entwickelt, und die Zurückweisung des damaligen englischen.Angebots durch die zionistische Organisation erweist sich heule als Fehler, da niemand daran gedacht hat. Uganda an Stelle Palästinas zu setzen, sondern nur daran. Uganda als Stützpunkt für Palästina zu gewinnen, lind kann man die Kolonisationstätigkeit der in Argentinien als Illnsivu bezeichnen? In Argentinien sind nicht viel iveniger Inden zur Land- Wirtschaft gebracht worden, als in Palästina; und zwar mit geringeren Mitteln, sals denjenigen, die der zionistischen Organisation zur . Verfügung standen. - AnS diesen Gründen begrüßen wir, daß Apt es unternommen hat, das Problem realpolitisch so äufzurvlleu, wie es der jüdischen Zukunft cntipricht, . Biele Anzeichen sprechn dafür,-°das; die ' hier gegebenen Anregungen ans fruchtbareii Boden gefalle,i sind. . Tie'-Aptsche Brvscchnrewar eine. - -Notwendigkeit: sie sollte von jeden,. Juden gelesen werden, der sich über die jüdische Zukunft Gedanken macht.' j>r. R. H. c. In Wien wurde eine Jüdisch Territorialisicn« ^Organisation für Oesterreich gegründet. Zum Tbmaüll der Orgaiiisation wurde Tr. Zöltan Schönberger geivählt. Dem Ausschuß gehört ,'i> a. auch Tr, E. v. H o s m a mi s t h ä I. einer der nächslen Verivändtel, des Dichters Hugo v. Hosmaiinsthal. an« Tic österreichisch Terri« torialisten-Or'qanisation schloß sich dem Allgemein neu Jüdischen Territorialverband (ITQ) an. SiD will die Ausivanderuiig' und Seßhaftmachung österreichischer Iäden leiten, ivobei allster Palästina auch andere-Länder in Betracht kommen. " Adolf Donath Zum 60. Geburtstag am 9. Dezember In seiner tschchollowakischn Heimat, wo ez einst, in Kremsier in Mähreik, geboren ist, rundet in diesen Tagen Adolf Donath sein sechstes Dezennium ab. Doch er kann sicher fein, daß die Tauseilde Berliner Leser, die - er sich während seiner vicljahrigen Berliner Tätigkeit zu Freun« den gemacht hat. herzlich lind dankbar seiner.ge« denken. Ter spätere ausgezeichnete Kenner deS Kuiistmarktes hat, wie man kaum ,»ermnten wird, als Liiriker begonnen; in seiner Wiener Uni« versitätszeit hat er einige kleine Bändchu sein« söhliger Gedichte veröffentlicht („Tage und Rächte', „Mensch und Liebe', ..Iudeiilieder'). Ta8 brachte ihn bald in. Verbindung mit der „Neuen . Freien Presse', zu deren Mitarbeiterstad er bereits 11m die Iahrhundertweiide gehörte. 1W5 kam Donath nach Berlin, trat in die Redaktion der „BZ am Mittag' ein ulid ivar dort zehn Jahre hilidttrch KlUistlritiker dcs Blattes. INI.'','wechselte er zum „Berliner Tageblatt' hinüber, ivo er zu« nächst eine Woctzenschall über sein Lieblingsrevier. die Ereignisse des Kuiistmarktes, begründete, ,»m HW. nach dem Tode von Fritz Stahl, das gesanz/e Kuiistresso^t der Zeitung in Verwaltung zu nehmen: Ib-'i'i übersiedelte er nach Prag, wo er seitdem, trotz manchen schweren Krankheitsattacke», mit liiiveränderter Arbeitskraft am Werke ist. Seine Keinitnisse des allgeineinen Kunst» getriebes hat Donath frühzeitig zu einer Speziali» iät ausgebil'det. in der. ihm nicht viele gleich» kamen. Alles, was den Kiinsthaiidel, das Anktivns» ivesen. das Sammlertiim. die Ankäufe der Museen, kurz die Fülle der Bewegung-auf den iiiternalio- »ale» Sck>auplätzeii des Rlarltes aiigiug. beherrschte er mit erslaiiiilichem Wissen. Auf den Beide Eltern haben zu entscheiden Was hier berichtet werden svll> ist vvr einigen Wochen in einem amerikanischen Krankenhaus geschehen. Ta wurde Frau Iva T. eingeliefert, das heißt, sie kam sogar nvch selbst und fühlte sich auch gar. nicht ungewöhnlich übel. Tie Sache war keine Renigkeit mehr für sie, denn sie hat ja schon, ein dreijähriges Kind, ein Aiädchen, hübsch, gesnnd, und'sie wünschte nur, daß das Kind, das sie jetzt zur Welt bringen sollte, ein Junge sein müßte. Daß sonst alles normal verlaufen würde, war ihr selbstverständlich, denn sie mar weder hysterisch, noch hatte sie unmäßig oder verkehrt gelebt, und auch Herr T., ihr Mann, der sie ins Krankenhaus begleitete, war nicht sonderlich besorgt, noch auf unheimliche Ueberraschungen gefaßt, wenn er auch, obwoht ein leidlich frommer Mann, bei aller Aufgeklärtheit, sich während des Wartens manchmal bei einer Art von unlvillkürlichcm Beten ' ertappte. ' - Tatsächlich verlief alles zunächst normal. Das Kind kam pünktlich zur Welt, und als man dem Herrn T. sagte, es wäre ein Junge, lachte er über's ganze Gesicht, und. als er dann in das Krankenzimmer hineingeführt wurde, nickte er seiner Frau bloß zu, aber mit solch einem Schmunzeln,-als ob ihnen beiden ein großartiger Streich gelungen wäre, und als er dann den ersten Blick auf das Neugeborene warf,, dachte er: „lind was für ein Junge!" Und ehe er sich's versah und auch nur ein Wort gesagt hatte, führte ihn die Schwestersanft und bestimmt am Arm ans dem Zimmer. Aus dem Korridor erst glaubte er zur Besinnung zu kommen. Und was für ein Junge!, dachte er erfreut und war plötzlich baß erstaunt. daß dieses Kind, sein Junge,' sich noch durch nichts ausgezeichnet hatte. Tenn selbstverständlich mußte sein Junge ein Wunder- Kttb sei«, welch eine Frage! \ Daß man ans so närrische Gedanken kommen konnte/ schalt sich der Vater des nen- . geborenen Jungen ans. Ach was, Wunderkind, inan muß doch nicht in die gleiche Affigkeit verfallen wie viele jüdische Eltern. Im Gegen- . teil, nur. kein Wunderkind. Gesund soll er sein, kräftig soll er sein, ein anständiger Vlenscstsoll er sein, ein guter Jude werden, aufrecht, ein Mensch, natürlich nicht dumm, aber Wunderkind? Und mit ganz festen Schritten ging Herr T. an seine Arbeit. Am nächsten Tage sah es nicht mehr ganz so rosig ans. Ter jungen Mutter zwar ging es, Gott sei Tank und unberufen, ganz normal, sie hatte kein Fieber und fühlte sich nicht einmal mehr so schwach, und sie. lächelte sogar bezaubernd in einer so himmlischen Art von Koketterie, wie man sie nie an ihr hatte wahrnehmen können, als sie noch Braut war oder das erstemal im Wochenbett lag. Aber mit dem Jungen war etwas nicht in Ordnung. Tie Nahrungsaufnahme war schlecht,, und von Verdauung ivar keine Rede. Was ist zu tun'?, fragte der Vater die Schwester. Sie zuckte die Achseln. Herr- T. war sehr sachlich, er behandelte die Sackje im Zimmer seiner Frau ' als Bagatelle, um die junge Mutter nicht zu beunruhigen, und erzählte irgend etwas Nettes von dem kleinen, dreijährigen Atüdchen. das alle fünf Minuten zu Hause fragte, wann es denn das neue Brüderchen und die Mammi sehen dürste. " Mehr als" fünf Minuten durste Herr T.. nicht im Krankenzimmer, bleiben. Als er das . Hospital verließ, fragte er den behandelnden Arzt besorgt, was mit seinem Jungen wäre. Das kann man noch nicht sagen, meinte der Arzt. Und was wäre zu tun? Ter Arzt sagte, man müßteabwarten. . Ach, Unsinn, dachte sich Herr T. auf dem Heimweg, es kann nicht immer alles gleich glatt gehen, und kleine Komplikationen besagen gar nichts. Es ist vielleicht besser, wenn kleine Komplikationen am Anfang austreten, dann bleibm sie einem vielleicht später erspart. Je mehr Kinderkrankheiten man dnrchmacht. destv gesünder ist man als Erwachsener. Am dritten Tage lvar der Zustand des Kindes nvch keineswegs verbessert. Aber der Arzt sagte, man müßte noch einen Tag warten, und er würde inzivischcn den bekanntesten Spezialistöir hinzuziehen. /Ain nächsten Morgen wurde Herr T. ins Krankenhaus gerufen. Ter Krankenhausarzt und der bekannte Ehirnrg erklärten ihin: Sein Kind wäre ein Krüppel. Ter nntr-der Darm wäre abnorm gestMtetr Daher keine Verdaiinngs-. Möglichkeit. Tas Kind müßte also sterben. Man könnte allerdings eine '.Operation versuchen. Wenn diese Operation glückt „Auf jeden Fall operieren!" sagte. Herr T. in seiner Erregung fast zu laut. „Bitte, lassen Sie mich aussprechen", meinte der überlegene EhiIurg und sah Herrn T. aufmerksam, fast durchdringend an: „Wenn diese Operation gelingt, dann kann Ihr Kind leben bleiben. "Aber es.wird trotzdem immer ein Krüppel bleiben und nie frei umhergchen^ 'können wie andere Rlenschen." 'Run sagte -Herr T.' gar.nichts mehr. Tie. Gedanken stürmten' aus ihn ein, er. versank iit Gedanken und wußte sich keinen Rat. „Wenn wir operieren sollen", wandte sich nun der.Krankenhausarzt an Herr T.. „dann müssen wir vorher die Einwilligung der Eltern haben." „Tann soll der Junge lieber —" begann Herr T.. lvagte aber nicht autzznspreck)cli. was das ltind. sein Junge, lieber sollte. „Ich verstehe", meinte mit seiner triist-. lichsten Stimme der Ehirnrg. „daß Sie in einer schwierigen Lage sind. Das Kind ist vier Tage alt. und eigentlich hat es noch gar nick»t angefangen zu leben.^ Und wenn wir es dazu bringen könneii. leben zu bleiben, dann wirb das doch auch nur ein schweres, freudloses. Krüppeldaseiu iverden. obwohl man natürlich nicht Vorhersagen kann, ob ein Leben, freudlos' uvir-d oder nicht. Es hat unzählige Krüppel gegeben, die vielleicht mit keinem Gesunden getauscht hätten, denn wie oft entschädigt doch die Natur einen Nlenschen für seine körper» lichen Mängel.mit den schönsten geistigen und seelischen Vorzügen. Und wenn man gar vom. Nutzen für die Menschheit spricht, so ist doch nicht zu verkennen, daß unter den bedeutendsten .Denkern und Dichtern. L'llisscnschaftlern und sogar ßieligivnsgründern Krüppel zu sinden sind. . Herr T. schien auf diese Beiveisführnng- -gar-nicht gehört zu l>abeu. Er: hatte seinen eigenen Gedanke» gefaßt und stand min mit rnckliallloser Vestiinmtl>eit dafür ein.'obwohl es ihm schmerzhaft genug ankain: „Wenn der . Junge einmal.envachsenist. ivird er uns inir Vorwürfe'dafür machen können, daß ivir ihn haben leben lassen. Also verzichten lvir ans die Operation." „Gut", sagte scheinbar gleichgültig . der Chirurg, „verzichten wir auf die Operation. Würden Sie uns noch die Rleimiiig Ihrer Frau -ein holen.?". - Herr T. ging ins Zi.nimer seiner Frail. Ter kurze Weg über den Korridor ivurde ihm schwerer von Scl>ritt zu Schritt. ' Glicht, daß er seiner Eiitscheidung und ihrer imerschütter- ' Iicl,en Rutztigkeit 'nicht völlig 'sick-er geivesen iväre, --- mir davor graute ihm. daß er seiner Frau sagen unnßte, das Kind ist verloren. Selbst ivenn es gerettet würde, wäre es verloren. verkrüppelt, hoffnungslos.' Und wahrscheinlich hatte Frau T. noch keine Ahnung vom Zustand des Kindes. Als er ihr diesen Zustand umständlich zu erklären ansing, so gut er als Laie es ver-7 iuochte. unterbrach tze ihn ganz gefaßt Und etivas nuivillig: „Ja, ja. ich weiß Bescheid.""' „Llliesv? Hat der Chirurg mit dir gesprochen?" „Aber ivvher .weißt du —" *; ■ ..Es ist doch nieiii Kind." Mit dieser knappen Wendling war für sie alles begründet, und hastig erklärte Herr T. ihr die Aussichten der Operation. „Sofort operieren!" entschied Fxan T. w

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