Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 50 (10.12.1936)
- Date
- 1936-12-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 * 4. Beiblatt 10. Dezember 1936 Werden des Geschichtsgefühls Zu Friedrich Meineckes „Entstehung des Historismus“ Von Fritz Friedlaender . ( Es ist eine ungelöste Streitfrage, ob der. Sinn für das Geschichtliche, das ausgeprägte \ Geschichlsbewutztsein,. ein eigentümliches Privileg der Geistesärt des europäischen Menschen sei. Oswald Spengler hat mit der ihm eigenen apodiktischen Art in seinem großen Untergangsbuch die Meinung vorgetragen, daß der geschichtliche.Sinn ein geistiges Monopol der faustischen, d. h. abendländischen Kultur bilde, während er anderen Kulturen, insbesondere der apollinischen,- der griechisch-römischen Antike, völlig abgehe. Gegen diese dogmatisch schroffe Behauptung erhob sich scharfer Widerspruch; man wies mit Recht auf die Gipfelleistungen der Geschichtsschreibung des Altertums, auf Thukydides und Tacitus, hin. Stand hier Behauptung gegen Behauptung, so herrschte anderseits darüber völlige;• Uebereinstimmung, daß das vergangene, das ' 19. Jahrhundert, als dessen Epigone gerade der srühverstorbene Spengler uns heute, erscheint. das „geschichtliche" Jahrhundert par exellenee gewesen ist. Es ist das Jahrhundert der großen Meister der Geschichtsschreibung. Macaulay und Carlyle in England. Michelet und Taine in Frankreich. Ranke und Mommsen in Deutschland: um nur einige Spitzennamen zu nennen. Aber, jene großen Meister, inbesondere die deutschen, hätten für ihre Schöpfungen kein aufnahmebereites Publikum gesunden, wenn sie. nicht in der besonderen Atmosphäre gelebt" hätten, die durch das neuzeitliche Geschichtsbewußtsein und Geschichtsgefühl gekennzeich- , net wird. Einer der bedeutendsten Historiker unserer Zeit hat es nun unternommen. den Werdegang des neuzeitlichen Geschichtsbewußtseins in seine Ursprünge hinein zu verfolgen und erforschend darzustellen: Friedrich M e i n ecke „Die Entstehung des Historismus",' zwei Bande, Verlag von R. Oldenbourg. München und Berlin 1936. Was bedeutet nun „Historismus"? Meinecke gibt im Vorwort seines großen Werkes selber die Antwort. Historismus —so erklärt der Altmeister der Geschichtswissenschaft—ist eben zunächst nichts anderes als die Anwendung der in der großen deutschen Bewegung.von Leibniz bis zu Goethes Tode gewonnenen neuen Lebensprinzipien auf das geschichtliche Leben. Diese Bewegung setzte eine allgemeine abendländische Bewegung fort, und die Krone fiel dem deutschen Geiste, zu. So weit umgrenzt Meinecke das geistesgeschichtliche Ausmaß des Phänomens, das viel tiesergreisend ist. als das vage Schlagwort „Historismus" ahnen' läßt.- Aber der Historismus stellt nicht nur ein ideengeschichtliches Phänomen von unermeßlicher Tragweite dar, sondern auch eine geisteswissenschaftliche Methode, nämlich die Art und Weise des geschichtlichen Sehens, den Glauben an die geschichtsmäßig Begreifbarkeit der Dinge dieser Welt. In prägnanter Formulierung bestimmt Meinecke' die eigentümliche Sch. weise des Historismus:- sein Kern — so lehrt er vbestehe in der Ersetzung einer g e n e - r a l i s i e r e n d e n Betrachtung . geschichtlich-menschlicher Kräfte dlirch eine i n d i - . v i d u a l i sie r e n d e Betrachtung. Tie Erkennung der unverwechselbaren "Individualität einer geschichtlichen Erscheinung: das ist der große und unverlierbare Zuwachs, den der Historismus zu dem geistigen Vermögen der abendländischen Menschheit beigesteuert hat. Historismus bedeutet also zweierlei: einmal ein an eine bestimmte Zeit gebundenes System der Weltanschauung und des Weltgefühls, nämlich den Tenkstil der deutschen Klassik von Leibniz bis Ranke, sopann eine allgemeingültig gewordene M e t h o d e der Geschichtswissen. Ichaft. das Verfahren zur Erfassung der geschichtlichen Wirklichkeit. Siegeszug und Eigenart jenes Historismus zum erstenmal zu schildern, ist das Anliegen von Meineckes großangelegtem Alterswerk. Um die Besonderheit der individualisierenden Betrachtungsweise des Historismus ins rechte Licht zu setzen, hat der große Gelehrte namentlich, den Gegensatz zwischen den: Geschichtsdenken des Zeitalters der Aufklärung und der Geschichtsanschauung des kl a s s i s chic o man tischen Zeitalters scharf herausgearbeitet. Worin bestand jener Gegensatz? Wilhelm Diltheh ist es gewesen, der zuerst den weitverbreiteten Irrtum widerlegt hat, daß das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert des großen Friedrich und der Aufklärung, keinen Sinn, für das Geschichtliche besessen habe. Ein Universal- Historiker unserer Zeit lind ^Fachgenosse Meiiieckes. Kürt Brehsig. hat wiederum ans die großen deutschen Historiker der Aufklärung, die vornehmlich in Göttingen wirkten, auf die Gatterer, Schlözer, Spittler lind Heeren, aufmerksam gemacht. Aber der wesentliche Unterschied gegenüber der nachfolgenden Entwicklung besteht darin, daß die Ausklärungshistorie nur einen sozusagen statischen Geschichtsbegriff besessen hat. Unter dem Einfluß der aus dem Altertum überlieferten naturrechtliches Denkweise glaubte sie an die Geltungskraft absoluter Normen der Sittlichkeit, sie glaubte ferner an die Stabilität der menschlichen Natur. Sie vertrat die Ansicht, daß beides — Absolutheit der sittlichen Normen und' Unveränderlichkeit der menschlichen Natur — trotz der Verschiedenartigkeit der einzelnen geschichtlichen Epochen zu allen Zeiten gleichmäßig hervortrete. Die als ewig und überzeitlich vorgestellte V e r - nun ft erschien ihr als der ruhende Pol in der Flucht der geschichtlichen Erscheinungen. Sie glaubte an die Möglichkeit einer Zielsetzung (Teleologie) der geschichtlichen Entwicklung. Vervollkommnung dsr menschlichen Natur in Richtung ani die Humanität, so hieß jenes Ziel. In der Gcschichtsphilosophie Hegels erlebte die Fortschrittsidee der Aufklärung ihre letzte und großartige Entfaltung. _ Mittels des unterirdisäien Einflusses des spätantiken Neu Plato n isin ns hat das klassisch-romantische-Zeitalter — die „deutsche Bewegiing"^von Leibniz bis Ranke — den statischen Geschichtslzegriff der Aufklärungs- Historie ins Dynamische übersetzt. Sie durchbrach das stärre Schema.^'des aufklärerischem - Rativnalismils. indem sie an Pie Stelle des nur Rationalen den Sinn für das Irrationale. an Stelle des >iur Mechan i st i sche n den Sinn für das C rgani sä, e. an Stelle des nur N o r m a t i v e n den Sinn für das I n d i v i d u e l l e weckte und pflegte. Gerade in dem letzteren liegt die entsclpudende und einzigartige Großtat des Geistes der de»ü° schen Bewegung. Ziliu crsteniual wurde. Pas geschichtlictze Leben in seiner individiiellen Mannigfaltigkeit Und Einmaligkeit entdeckt. Damit'wurde es aber zugleich seines absoluten Eharakters entkleidet und in seiner schmerzlichen Relativität erkannt. Schmerzlich insofern. als die Bedingtheit menschlickxn TlMs und die Abhängigkeit des Menscku'n von der Macht der Zeit fühlbar wurde. Nachdem Meinccke die Vorläufer der deutschen Bewegung gewürdigt. Lessing und Winckelmann gestreift hat. wobei Man bedauert, daß sie nicht ausführlicher behandelt werden, stellt er den neuen organolvgisch - individualistischen Geschichtsbegriff der deutschen Bewegung an drei dafür bezeichnenden Persönlichkeiten dar: Justus Möser-, Herder und Goethe. M v s e r, vder Verfasser der „Patriotischen Phantasien", erscheint als der Mann, der durch seinen bäuerlich-urtümlichen. und bodenständigen - Wirklichkeitschul die traditivnalistischen und konservativen Lebenskräfte der Geschichte neu erweckt hat. H e r d e r tritt auf als der große und dichterisch beschwingte Seher, als der BahnMecher des Gedankens der Volksindividnalität und des neueren Bolkstumsbegrifss. dessen Weitblick unermeßliche Zeiträume, der Geschichte umfaßt. . Ptit besonhercr Liebe uiid Ausführlichkeit legt Meinecke schließlich Goethes Verhältnis, zur Geschichte dar; und zwar sowohl nach der positiven als auch nach . der negativen Seite hin. Goethes Stellung zu dem Begriff und dem Problem „(beschichte" ist ■ keineswegs einheitlich gewesen: seine wunderbare Beziehung zu dem Begriff und Bereich „Natur", die den Mittelpunkt seines Denkens und Fühlend bildete, ließ ihn zeitweilig geradezu zu einem Verächter des Bereichs „Geschichte" werden. Aber andererseits hat sein Instinkt für das organische Wachstum in der Natur, sein Sinn für jegliches individuelles Werden zugleich ein großartiges Geschichtsbewußtsein mitenthalten. Dies im einzelnen nachgewiesen zu haben, ist die besondere Note ' und eigentliche These des weitsichtigen Werks. Wohl zum erstenmal hat Meinecke Goethes Weltbetrachtung und Geschichtsbewußtsein in unmittelbare.Beziehung zu Ra n k e s „realgeistiger" Sshweise gesetzt. Ter Zusammenhang zrvischen der Weltanschauung des größten Dichters und des größten Historikers ist dadurch sichtbar geworden. Ebenso wie seinerzeit Wilhelm Scherers „Geschichte der deutschen Literatur", hat auch Meincckes.Entstehungsgeschichte des Historismus bei Goethe .haltgemacht. War diese Beschränkung des Themas bei Scherer bewußte / , Absicht gewesen, so war sie bei Mcinecke Ausdruck eines resigllierenden Verzichts. Denn Meineckes Ursprüngliche Absicht war dahin gegangen, die Weiterentwicklung des. Historismus iin frühen deutschen 19. Jahrhundert ebenfalls darzustellen >md chitcher Vilduugsgefchichte des jungen Ranke zu enden. Nunmehr hat Meinecke sich darauf beschränkt, die schone Gedächtnisrede.,die er am diesjährigen Fried!ichs-Tage der Preußischen Akademie der Wissenschaften allf Ranke gehalten hat; dem Werke beizugeben. Jüngere Kräfte werden, wie der Altmeister hofft, seinen ursprünglichen Plan durchführen. Sie werden göwiß die noch ungelösten Fragen anders ansehen und anpacken., als der Vteister selbst. Denn die virtuose Methode der Geschichtsschreibung Meineckes, die darin besteht, geistige Strömlingen »licht als Kollektivphänolnene. sondern in charakteristischen Einzelpersöilllchkeiten zu erfassen, hat. »vie bereits in den, vvrangegailgenen ideen- , geschichtlichen Werken „Weltbürgertlim und Nationalstaat" und „Idee der Staatsräson", ailch 'in dem vorliegenden Buche z»i einer höchst eigenwilligen Auswahl der Probleme und Personen geführt. (Man ist zum Bei- . spiel überrascht, daß Meinecke die eigentümliche Größe Johannes v. Müllers, die noch Gundolf in seinem Caesar-Buche uilterstrich. geradezu in Abrede stellt.) Daran Anstoß nehmen wird jedoch nur derjenige, der nicht . weiß, daß ans der konsequent seftgehaltenen Silbjektivität die Stärke des Geisteshistorikers .Meinecke beruht. Sbivohl ein sachlich beschreibendes Buch, ist Meineckes ..Entstellung des Historismus" zugleich ein persönliches plsilvsophisches Bekenntnis feines Verfassers. Es .eutjtamiut einem philosophischen Milieu, das durch Diltheh. Troeltsch. Mar Weber grundiert wurde lind heute etwa von Denkerii. wie Alfred Vierkandt und Eduard Spranger, repräsentiert wird. In einer Welt, die.' geschichtsmüde geworden, in beziig auf Historie dem Agnostizismus Schopenhauers sich wiederum zliwendct, verküiidet es mit einem gewissen heroischeir Trotze den Glauben.an ' die kebenzeugende Macht der Geschichte. Wir sind gewiß/daß der jüdische Mdnsch unserer Zeit, der vom Schicksal befähigt wlirde. G«v schichte zu erleben, jenen Ruf nicht überhören Im Alter von 72 Jahren ist der Professor an der Kopenhagener Universität. Waldemar Henriquetz-, einer der Prominentesten däniscl,cn Gelehrten, einem Herzschlag erlegen. Der Verstorbene hat sich ans dem Gebiet der Physiologie mit seinen Studien' liber Eiweißstoffe und später über Probleme der Zellengemebe einen bedeutenden Namen in Dänemark und im Auslande erworben. Er war Leiter des Nockefrlter-JnstituteS in Kopenhagen. Dsr „Dybuk” als Oper Von Dr. Martin Friedland Die Oper „I1 D i b u k“ von Lodovicö R oc c a. Textbpch von Renate Simoni. nach der dramatischen Legende des Scholem Anski (Salomon Rappaport), gelangte zum ersten Male in der ' Mailänder Scala im März 1934 zur Darstellung^ Es folgte im Anfang dieses Jahres Rom mit einer auch durch den italienischen. Rundfunk verbreiteten Aufführung. . Ohne Rücksicht au? die rein künstlerische Art, Beschaffenheit und Bewertung dieses neuen musikdramatischen Werkes hat es seine besondere.Bedeutung innerhalb der 340 Jahre Operngeschichte. Wohl kennen wir zahlreiche Opern, die sich alttestamentarischer Stoffe. bedienen, auch einige neuere, in denen die Person eines Juden bedeutsam in die Handlung eingreift — Halövys „Jüdin". Weis' „Der polnische Jude", Mascagnis „Freund Fritz", verschiedene Vertonungen des „Kaufmanns von Venedig" (zuletzt Otto Taubmanns „Porzia") — der „Dibuk" Roccas aber ist die erste Oper eines nichtjüdischen Musikers, die ausschließlich in einer neuzeitlichen, jüdisch-kleinbürgerlichen Umwelt spielt. Und dieser Umstand läßt den Schluß zu, daß in dem dramatischen Vorwurf des jüdischen Dichters eine besondere Verlockung und ein ungewöhnlicher Anreiz für den Musiker gelegen sein mußte. Wer aber Anskis Drama nicht nur von der Buchlektüre her. etwa der ausgezeichneten Verdeutschung Arno Nabels, kennt, sondern die weithin gerühmte Darstellung der „Habimah" sah, die die zahlreichen Gestalten des Stückes iw unvergeßlicher Weise Blut und Leben werden ließ, der wird begreifen, daß diese aus den stärksten naturalistischen und religiös-mystischen Wirkungssaktoren gewobeste Dichtung gerade der Musik ganz unvergleichliche Ansatzflächen bieten mußte. Und angesichts jenes soeben betonten Lpernmilieü- Kuriosums darf man beinahe von dem Wagemut und der Kühnheit eines modernen nichtjüdischen Komponisten sprechen. - An sich Grund genug, die Oper genauer zu würdigen und zu betrachten. Ludovico Rocca ist 1895 in Turin geboren und machte - seine musikalischen Studien bei . Giacomo Orefice in Mailand. Mehrere Orchester- Tongedichte und eine ganze Anzahl Vokal- und Kammermusikwerke machten seinen Namen auch außerhalb seiner italienischen Heimat bekannt. . Dem 1934 veröffentlichten ..Dibuk" gingen zwei bisher nicht aufgeführte Opern („La morte di Frine“. „La Corona di Re Gaulo“) vorast. und das letzte musikdramatisckie Dwrk des Komponisten. „In terra di Legsenda“, erlebte erst kürzlich in Bergamo seine erfolgreiche Uraufführung. ■ Renato S i m o.n i. der Textbuch-Verfasser.' folgt in der Hauptsack^ getreu der dramatisck)en Legende Anskis, aber er vereinfacht und verkürzt sie für die besonderen Bedürfnisse der Oper, zieht sie auf eine feste, einheitliche Grundlinie zu,ammen. verbindet den'3. und 4. Akt zu einem einzigen dritten. Ferner läßt er einige kleinere, nur der Milieusestlegung dieiiende Epist>den und einige syebenpersoneii fort, deren Dialog er teilweise anderen Figuren der Handlung'züweist. Es fehlen u. a. die Gestalten des Rabbi. Mendel, des Lehrers von Leas Bräutigam Menascheh. vor allem aber die bei Anski sehr bedeutsame Person des Miropoljer Lrtsrabbiners Simson, des ' Sachwalters des toten Nissen. Ehanans Vater. Während im Original bekanntlich diesem Rabbi Simson die Enthüllung der dunklen Vorgeschichte des Dramas — des feierlichen Verlöbnisses der beiden noch ungcborenen Kinder Lea und CHanau — Vorbehalten ist. ist dagegen in der Oper mit verständlicher Absicht der wuchtigste dramatisck^ Akzent a Hei n auf die Gestalt des Wunderrabbls und Dybuk-Beschwörers A s. r i e l gelegt worden. Weiterhin gab diese dramaturgische Verkürzung Gelegenheit zu einem sehr eindruckstiefen, echten Operneffekt.^iner^ Bestärkung der mystischen Wirkungsiubstastz aus dem Geiste der Musik: dieses" geheime - Verlöbnis geschieht gleich beim Beginne der Oper in der Form eines unsichtbar verschleierten, magisch belichteten Chor-Prologes, lieber den leise verschwimmenden. ivortlosen Menschenstimmen und dem Lobgesang des Elohim erhebt sich deutlich vernehmbar die Stimme des „frommen Boten", der' mit den Vätern Leas und Chanans das heilige Gelübde vollzieht. T^nizufolge wird auch dieser „Meßäggero". nicht Rabbi Simon, im letzten Akt der Oper zum Ankläger gegen Szender Brinitzer und sein gebrochenes Gelöbnis vor Gott. Muß man vom Blickpunkte der Oper aus gesehen schon Anikis Dichtung fast überreich an tonmalerischen und musikalisch-dekorativen Möglichkeiten ne.nnen. so ist es gewiß begreiflich, daß der K o m p o n i st diese Möglichkeiten bewußt und unbedenklich — um nicht zu sagen raffiniert — ausgebeutet hat. Von dem in medias, re« der mystisch-symbolisck^n Handlung s einführenden Prolog war schon die Rede. Man denke dann aber an die Gestalt des Glaubensziveislers Chanan.'an se/ste asketische. Selbstvernichtung und sündhafte ZuslW,t zu den dunklen. Rätseln der Kabbala, seinen st»lötzlick>en Tod. als ihm Lea. seine „Bescherte", versagt ist. Ferner an die symbolhafte. durch das ganze Stück wandelnde Erscheinung des „frommen Boten". Weiter dann im 2. Akt die ganz volkhast-naturalistische. orgiastisch entfesselte Tanzszene, der Bettler mit der Braut.' diese pittoreske Hochzeitsszene mit dem urplötzlich ans der besessenen Lea heransschreiendcn Dybuk. Am Schlüsse aber die bis zur letzten Nervensiiannkrast aufgesteigerte. hochpathctische Beschwörung des Dämons durch den Wunderrabbi Asriel. gipfelnd in dem feierlich-erhabenen Schofarru?. Endlich Leas unheimliches Toppelwesen mit der ihr kör. perlich enttönenden Stimme des tote» Chanan und die Erlösung der Besessenen, ihr Hiistchmelzen und Zusammenfließen mit der umstrahlten Ersck,einung des Geliebten. Insgesamt eine ,'ast unerschöpfliche Fundgrube siir den echtbürgerlick)en; Lperndramatlker. . Wie hat der Komponist alle diese szenischen Vorgänge und dichterischen Visionen, musikalisch bezwungen und gestaltet? Ludovico Rocca gehört zu jener jungen itatienisck^» Komponiftengeneration. die — man mochte sagen — die nrsprüng. lichste und, naturhasteste "Bindung an das gelobte Land der Atelodie durchbrochen hat. War bis zu. Verdi. Mascagni und Puccini die periodisch geformte, harmonisch gestützte dramatisck,e Melodie allein Träger des seelischen Gefühlsstromes und diese Melodie auch in jeglicher Form befähigt, das in Worten Unsagbare zu tönender Aussprache zu bringen, so wendet sich die j»mge Komponistengtlde von ihr — als dem wesenhaflen musikalischen Gestaltungsprinzip — nrit Entschiedenheit ab. Diese jungen Musiker sck^rren sich um ihren futuristischen Führer Alfred« Casella. ergeben sich der ..Eindruckskunst" eines Tebnssy und der rhythmisck^n Bewegimgsmusik dem „Motonismus" eines Strawinsky.^ Die ganze Partitur des „Dybuk" wird daher von kleinen tonmalerischen, anschaulich bildhaften oder -klangsymbolischen Motiven beherrscht und aus-ächrrM-gestattet: -Es entwickelt sich unter starkem und nachhaltigem rhythmisck,en Antrieb, durch eine sequenzierende Motivversetznng. ein großes Tonmosäik. das. im Innern von keinem . melodischen ' (tzesühlsbogen umspannt, dennoch einen zwingend einheitlichen Ttimmungseindrnck zurückläßt. Das Ganzx . rollt, von wenigen lnrischen Ruhepunkten durchbrochen, gleichsqnr als eine einheitliche, bald düster-pathetische, gWimnisschwere. bald fratzeiihäft-skurrile Vision (die große Bettler-Tanzszene!» vorüber. Erotische Melismen. primitive kleine Tanzmotive und Dreiklangs-Quintsvlgen sind, die hauptsächlichsten Formsaktoren, die hier ' offenbar der mystischstimmiingshaften Aiisdeiitnng der phantastisd,en Geisteswelt des Ehassidismns dienstbar werden Die Singstimmen bewegen sich dabei ans langen Strecken asketisch im Ilmsauge vv» ivenige» Tönen, sie deklamieren, rezitiere» Und Psalmodieren, ja öfter schlägt dieser tote SpreckMsang ganz naturalistisch iinb mit großer Wirkung Dn das ge- - sprochene Wort »in. Selbst die orientalische Liebesglnt des Hoheliedes findet ihren musikalischen Niederschlag aus den Lippen Clwnans nur in einem monotonen Psalmodieren. Erst am-Schlüße der Oper durckwricht der Komponist in glücklicher Jnkonieauenz sein Prinzip der Verbauimirg jeglicher Ntelodie: bei der ül^ersinnlichen Vereinigung der Liebende». Mich der Trennung des- Dybnks vom Körper der Lea rinnt deren Zrviesprackie mit Chanan zu einem regelrechten, zartlyrisck^n Liebesdnett zusammen. Und wenn Lea. tot niedergesunke». sich mit dem verklärten Geliebten vereinigt, der Chor den dunklen Sinnspruch von der in den AI»grniid des Bosen versenkten. aber wiederansgestiegenen See.le intoniert hat. da ieht lei?e, nach einem mächtigen „Llobim", eine regelrechte,, diatvnifchckchwmigvolle. harfen- . iimrauschte s-Mvll-Melodie alter Schule (als motivische Nmbildungi'eiii. Sie ersd,ei»t wenigstens zu einem kleinen Teile geeignet, den melodifchei» Durst des Hörers, während der ganzen Oper noch zuguterletzt zu stillen. Ein gewichkiges ätück satztert>nild>er Birtnvsität stellen' sdsiießtich die sehr komplizierten, kleingliedrigcn Ensemblesätze dar. die ganze dialogisck)e Komplexe lllnterlmltung der TalMubisten und Ballen. Kosaken-Pogrom-E-rzählung. Bettler-Tanzszene) durch Chöre und Einzelstimmen zusammenschließen. _ Am Ende mögen noch ein paar Notenbeispiele , igcn^ZÜL^dlLlLr-itaiienifckie Musiker den spezifisch jiidifch.rekigiüsel, Lebcnskreis des Stückes, -insbesondere das Rituale und Tynag^igale. erfaßt hat. Es sind nicht wenige Stellen, an denen Rocca auf den jüdischen Ritnalgesang znrückgrkiit. Aber er fügt alle solche yllasi-Zitate seinem impressionistifchen Grnndstil ein. d, h. er erfindet neu im (leiste der alttraditionellen Vorlage. So sumnu>:r im ersten Akte die' drei Talmudisten mit geschlos-